Während an der Wall Street heute Geschichte geschrieben wird, schaut die deutsche Digitalwirtschaft mit gemischten Gefühlen über den Atlantik. Der Börsengang von SpaceX mit einer Rekordbewertung markiert den Auftakt einer Serie von Mega-IPOs, denen schon bald die KI-Schwergewichte Anthropic und OpenAI folgen sollen. Für den Digitalverband Bitkom ist das ein Weckruf: Deutschland und Europa drohen beim Rennen um das Kapital der Zukunft endgültig den Anschluss zu verlieren.
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst nimmt die Entwicklung zum Anlass für eine deutliche Forderung an die Politik. „Vor wenigen Jahren bewegten sich kommerzielle Raumfahrt und Künstliche Intelligenz noch in einer Nische, in wenigen Jahren sind daraus Weltkonzerne entstanden“, erklärt er. Diese Erfolgsgeschichten müssten Ansporn sein, auch hierzulande in größeren Dimensionen zu denken. An Forschung und Gründertalent mangele es in Europa nicht – wohl aber an dem Kapital, das nötig sei, um aus jungen Unternehmen globale Marktführer zu formen.
Die nüchternen Zahlen, die der Verband ins Feld führt, sind ernüchternd. Allein die drei anstehenden US-Börsengänge dürften nach aktuellen Schätzungen mindestens so viel Kapital binden wie sämtliche mehr als 1.200 Börsengänge des Jahres 2025 zusammengenommen. In bestimmten Szenarien könnte die gebundene Summe diesen Vergleichswert sogar um das Fünf- bis Zehnfache übersteigen. Geld, das anschließend für Investitionen und IPOs in Deutschland und Europa schlicht nicht mehr zur Verfügung steht.
Umso bedrohlicher wirkt die Lage der heimischen Gründerszene. Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage halten gerade einmal 17 Prozent der deutschen Startups das hierzulande verfügbare Venture Capital für ausreichend. Die Konsequenz: Jedes vierte junge Unternehmen denkt mittlerweile offen darüber nach, Deutschland den Rücken zu kehren. Wer den Anfang dennoch schafft, gerät schnell an die Belastungsgrenze der deutschen Kapitalmärkte.
Wintergerst beschreibt ein Muster, das sich in den vergangenen Jahren wiederholt hat. „Unsere besten Tech-Unternehmen sehen dann zu oft keinen anderen Weg als zu früh zu verkaufen, statt selbst den Weg an die Börse gehen zu können.“ Solche frühen Exits seien aus Sicht der Gründer nachvollziehbar, aus volkswirtschaftlicher Perspektive und mit Blick auf die digitale Souveränität Europas aber bestenfalls die zweitbeste Lösung. Was fehle, sei der Mut zur Größe – und gleichwertige Investitionsbedingungen.
Konkret schlägt der Bitkom-Präsident einen Hebel vor, der bereits seit Jahren diskutiert wird: Institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen müssten deutlich einfacher und attraktiver in Wagniskapital investieren können. Erst wenn diese großen Kapitalsammelstellen mobilisiert würden, könne Europa die Grundlage dafür schaffen, dass die nächste Generation von Tech-Champions nicht nur hier entstehe, sondern auch hier wachse. Der heutige Tag an der US-Börse, so der Subtext der Berliner Botschaft, sollte als unmissverständliches Signal verstanden werden.

















