Bild: Bill Titze.

Wörschweiler ist der kleinste Homburger Stadtteil, rund 300 Menschen leben hier. So wie Ortsvorsteher Reinhold Nesselberger, der seit einer halben Ewigkeit die Geschicke des Ortes leitet. Und trotz der geringen Größe des Ortes, hat es Nesselberger lange Zeit geschafft, die große Politik auf „sein“ Dorf aufmerksam zu machen. Die Ergebnisse sind unter anderem hoch über Wörschweiler zu sehen.

Als Reinhold Nesselberger sein Amt als Ortsvorsteher von Wörschweiler antrat, da war Deutschland noch zweigeteilt, die D-Mark bewährtes Zahlungsmittel und so etwas wie das Internet für den Normalbürger eine ferne Utopie. 1989 war das, über 30 Jahre ist das jetzt her. Ein halbes Menschenleben hat Nesselberger also investiert, um den kleinen Stadtteil im Homburger Süden voranzubringen. „Ich bin gebürtiger Wörschweiler und hatte damals hier meine Firma. Da interessiert man sich natürlich für das Dorfgeschehen“, erklärt der 72-Jährige, wieso er in die „Dorfpolitik“ ging.

Tatsächlich scheint das der Hauptgrund für sein politisches Engagement gewesen zu sein, denn trotz vieler Kontakte in die Landespolitik reizte es ihn nach eigener Aussage nie, nach höheren politischen Ämtern zu greifen. Vielmehr nutzte er seine viele Bekanntschaften, unter anderem mit Ministerpräsident Peter Müller, um sich für Wörschweiler einzusetzen. Dass Nesselberger überhaupt mit hohen Landespolitikern per Du war, ist recht banal, sagt aber doch viel über saarländische Kultur aus: Nesselberger spielte jahrelang ziemlich erfolgreich Fußball, war Mitglied in der SPD und kam so zum saarländischen SPD-Team „Rote Hosen“, mit dem er jahrelang über die saarländischen Städte und Dörfer zog. „Da bleibt man nach den Spielen natürlich hängen, kommt ins Gespräch und knüpft so ein Netzwerk.“

Das sorgte nicht nur dafür, dass SPD-Größen regelmäßig bei den Wörschweiler Dorffesten vorbeischauten. Sondern auch dafür, dass beispielsweise die Klosterruine Wörschweiler ab 2009 auf Vordermann gebracht werden konnte. Diese war so marode geworden, dass die Besitzer selbst finanziell nicht in der Lage waren, das historische Areal zu renovieren. „Deshalb habe ich daran gearbeitet, eine Stiftung zu gründen, um die erforderlichen Fördergelder zu erhalten.“ Die kamen dann auch, allein vom Bund kamen über vier Jahre jeweils 250.000 Euro. Ohne Nesselbergers Kontakte wäre dies wohl so nicht denkbar gewesen. Das Ergebnis ist heute weit über dem Dorf zu sehen: Ein echtes Kleinod, das von Besuchern den ganze Jahr hinweg besucht wird. „Man ist dann schon stolz, wenn man sieht, wie das angenommen wird“, freut sich Nesselberger. Fertig ist das Projekt Klosterruine aber noch lange nicht, in naher Zukunft soll die Beleuchtung erneuert und ein Audioguide angeboten werden.

Bild: AUFNAHME1 GbR

Fertig ist dagegen ein anderes Projekt, das Nesselberger überhaupt erst in die Politik geführt hat. „Ich hatte das Ziel, die hiesige Lücke des Bliestal-Radwegs zu schließen.“ Dieser endete in den 80er-Jahren noch in Wörschweiler, Radfahrer mussten über die Straßenbrücke die Blies überqueren. „Damals war es undenkbar, das das gelöst werden könnte.“ Problem war nämlich, dass eine Verlängerung des Radwegs über Kirchengrund sowie ein Firmengelände geführt hätte. „Die Kirche verkaufte aber keine Grundstücke und mit der Firma hatte es auch noch keine Einigung gegeben.“ Also machte sich Nesselberger daran, dicke Bretter zu bohren. Führte Gespräche, knüpfte Bekanntschaften und erreichte schließlich nach jahrelanger Arbeit das scheinbar Unmögliche: Die Verlängerung des Radwegs wurde 2005 eingeweiht, heute überspannt eine Brücke die Blies von Wörschweiler nach Schwarzenbach.

So ist Nesselberger zwar durchaus zufrieden mit der baulichen Entwicklung in Wörschweiler. Das Gesellschaftliche bereitet ihm jedoch Sorgen. „Früher war jeder im Dorf Mitglied im Sportverein“, blickt der Ortsvorsteher mit etwas Wehmut zurück. „Heute ist da kaum noch jemand aus dem Ort.“ Auch auf Veranstaltungen wie das mittlerweile überregional bekannte Weinfest auf der Klosterruine kämen nur noch wenige Einheimische. „Wir suchen da auch händeringend ehrenamtliche Helfer.“ Insgesamt seien die Leute einfach egoistischer geworden. Der gesellschaftliche Wandel geht in Wörschweiler sogar so weit, dass in den letzten Jahren auch mit Drohungen und Intrigen gearbeitet werde, wie Nesselberger feststellt. Hintergrund ist die Lärmbelastung durch LKW, die ein Speditionslager in Bierbach ansteuern und wenig Rücksicht auf Anwohner nehmen. „Ich hatte sogar schon zwei, drei Drohbriefe deswegen im Briefkasten“, sagt der Ortsvorsteher. Immerhin: Seit letztem Jahr gibt es eine Tempo-30-Zone für LKW in der Bierbacher Straße.

In der Bierbacher Straße war auch lange Jahre der Sitz von Nesselbergers Firma, die sich mit kommunaler Versorgungswirtschaft beschäftigte. Doch hier wurde nicht nur ein Familienbetrieb geleitet, sondern ganz nebenbei auch das Dorfgeschehen. Von der Ausgabe von Gelben Säcken bis hin zu Telefonaten mit der Verwaltung spielte sich hier vieles ab. Für die Bürger war es so selbstverständlich, dass dort der Ort gemanagt wurde, dass es zu kuriosen Situationen kam, wie der Ortsvorsteher mit einem Lachen erzählt. „Einmal saß ich in einer wichtigen Verhandlung und es stürmte jemand herein, um mir mitzuteilen, dass der Wasserhahn auf dem Friedhof kaputt ist.“ Der wurde natürlich so bald wie möglich repariert – eine der „kleinen“ Dinge, um die sich ein Ortsvorsteher eben auch kümmern muss. Und von denen gibt es auch in einem 300-Seelen-Ort gar nicht so wenig, wie der Ortsvorsteher unterstreicht. „Man sollte nicht meinen, hier wäre nichts los. Es gibt immer was tun.“ Im Zweifel auch um 7 Uhr morgens, wenn ein städtischer Mitarbeiter hoch zur Klosterruine muss und der Ortsvorsteher den ansonsten gesperrten Zufahrtsweg öffnen muss.

Mit solchen und anderen Dingen soll aber bald Schluss sein. 2024 möchte Nesselberger nach dann 35 Jahren Amtszeit aufhören. „Es hat Spaß gemacht. Aber irgendwann muss man einfach sagen, es reicht“, so der 72-Jährige. Dann dürfte er noch mehr Zeit für seine anderen Hobbys haben, wie zum Beispiel das Mountainbike-Fahren. Vielleicht findet sich ja sogar der ein oder andere Bekannte von früher, der sich mit ihm in sportliche Abenteuer stürzt. Genug Zeit dürften diese jedenfalls haben, wie Nesselberger mit einem Lachen andeutet. „Meine Kontakte aus Politik und Verwaltung sind ja mittlerweile auch fast alle im Ruhestand.“

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