Warum geraten westliche Demokratien in die Krise – und liegt die Ursache womöglich nicht in äußeren Bedrohungen, sondern in einem schleichenden inneren Wandel? Dieser Frage geht der Journalist und Historiker Ferdinand Knauß in seinem Buch „Der gelähmte Westen – Chronik einer Selbstaufgabe“ nach. Am Montag, den 4. Mai 2026, stellt er seine Thesen um 18.30 Uhr im Haus der Union Stiftung in Saarbrücken vor.
Die gängige Diagnose kennt man: Autoritäre Regime gewinnen an Einfluss, populistische Strömungen zersetzen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Knauß hält diese Erklärungen für unzureichend. In seinem Buch verfolgt der Cicero-Redakteur die Entwicklungslinien westlicher Gesellschaften über mehrere Jahrzehnte zurück und verortet die Wurzeln der gegenwärtigen Verunsicherung tief in der eigenen Geschichte – weit jenseits aktueller geopolitischer Verwerfungen.
Seinen Ausgangspunkt wählt Knauß in den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 1960er-Jahre. Die Auseinandersetzung zwischen der Kriegsgeneration und den sogenannten Achtundsechzigern habe zwar eine notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit angestoßen, zugleich aber grundlegende Zweifel am westlichen Gesellschaftsmodell genährt. Zwar blieb ein unmittelbarer Systemwechsel aus. Doch zentrale Ideen dieser Bewegung hätten im Zuge eines „Marsches durch die Institutionen“ langfristig an Einfluss gewonnen und das Selbstverständnis liberaler Demokratien nachhaltig verändert.
Die zentrale These des Buches lautet: Liberale Demokratie werde heute weniger als offenes Regelwerk für eine pluralistische Gesellschaft begriffen, sondern zunehmend als moralisches Projekt mit universalem Gestaltungsanspruch. Dieser Anspruch stoße in der Praxis immer häufiger an Grenzen – und trage so zur Lähmung bei, die der Titel des Buches beschreibt. Knauß, Jahrgang 1973, bringt für diese Analyse einen breiten Hintergrund mit. Er studierte Geschichte und Japanologie in Düsseldorf, Nantes und Tokio, arbeitete unter anderem für die „Wirtschaftswoche“ und das „Handelsblatt“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Fragen der politischen Kultur.
Die Veranstaltung in der Steinstraße 10 wird gemeinsam von der Union Stiftung und dem Politischen Bildungsforum Saarland der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgerichtet. Nach der Buchvorstellung haben Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen und Fragen zu stellen. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine vorherige Anmeldung über die Homepage der Union Stiftung wird jedoch erbeten.
Wer den Abend nicht vor Ort verfolgen kann, hat die Möglichkeit, per Livestream dabei zu sein. Die Übertragung läuft über den YouTube-Kanal der Union Stiftung. So lässt sich die Debatte über die inneren Ursachen westlicher Krisen auch von zu Hause aus mitverfolgen – ein Thema, das angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage kaum an Dringlichkeit verloren haben dürfte.


















