Die Kulturbeigeordnete Raimund Konrad, Patrica Hans, Jutta Bohn und Bürgermeister Michael Forster (v.l.n.r.) stellten das diesjährige Programm der Homburger Lesezeit vor. Bild: Bill Titze

Letztes Jahr fiel die Homburger Lesezeit noch weitgehend der Corona-Pandemie zum Opfer, ab Mitte September soll es endlich wieder regelmäßig fesselnde Geschichten von Prominenten und Autoren zu hören geben. Das nun vorgestellte Programm beinhaltet dabei nicht nur Literaturklassiker, sondern auch Neuerscheinungen. Neu ist auch der Veranstaltungsort.

„Richtig getraut haben wir uns am Anfang nicht. Wir dachten eigentlich, das wird nix.“ Wenn Patricia Hans sich so äußert, dann muss die Homburger Lesezeit aufgrund der Pandemie wohl auch in diesem Jahr wirklich lange auf der Kippe gestanden haben. Denn bei jedem Wort spürt man: Hans und ihre Kollegin Jutta Bohn brennen für dieses besondere Event, das bis 2020 Jahr für Jahr die Besucher ins Bistro 1680 am Marktplatz lockte.

Und nun steht auch noch ein Ortswechsel an. Da das Bistro auf Sicht renoviert wird, zieht die Lesezeit vom Marktplatz einige hundert Meter die Saarbrücker Straße herunter in die Städtische Galerie im Saalbau, die der Lesezeit von der Stadt zur Verfügung gestellt wird. „Wir sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, erzählt Hans. „Auf der einen Seite war die Stimmung im Bistro 1680 herausragend.“ Aber der Saalbau bringe nun unter anderem den Vorteil von Synergieeffekten mit sich, wie der Kultur-Beigeordnete der Stadt, Raimund Konrad, erklärt. „Dann schauen sich vielleicht Menschen die Bilder in der Galerie an, die es ansonsten möglicherweise nicht unbedingt getan hätten.“ Und mit der Barrierefreiheit gebe es laut Hans einen weiteren Pluspunkt durch den Umzug in den Saalbau. „Da wir viel älteres Publikum haben, ist das ein echter Vorteil.“

Doch natürlich richten sich die dieses Jahr insgesamt elf Lesungen nicht nur an Senioren. Im Gegenteil soll auch junges Publikum angesprochen werden, wie Bürgermeister Michael Forster betont. „Es geht darum, ein Signal an die Jugend zu geben, dass Lesen nicht out ist und spannend sein kann.“ Außerdem vermittle es Kenntnisse in Rhetorik und Schreiben.“

Vielleicht ist es da von Vorteil, dass mit Dr. Eric Gouverneur der 1. Vorsitzende des FC 08 Homburg den Reigen eröffnet. Schließlich ist er qua Amt unter anderem verantwortlich für eine der größten Jugendabteilungen in der Stadt. Gouverneur liest am 14. September ab 19 Uhr aus dem Roman „High Fidelity“ des britischen Schriftstellers Nick Hornby. 1995 erschienen, geht es in dem Werk um den Besitzer eines Plattenladens, dessen Liebe zur Musik sein Leben ordentlich durcheinanderwirbelt. Dabei gehört Gouverneurs Beitrag zu den sogenannten VIP-Lesungen, in denen bekannte Homburger versuchen, das Publikum zu begeistern. „Wir haben auch schon Promis gehabt, die sich nicht getraut haben aufzutreten. Aber bei den meisten hat es mit etwas Überredungskunst doch geklappt“, plaudert Jutta Bohn aus dem Nähkästchen.

So offenbar auch bei Götz Geburek, dem neuen Pfarrer der Protestantischen Kirchengemeinde Homburg und Prof. Barbara Käsmann-Kellner, der Leiterin der Sehschule an der Uniklinik. Beide stehen ebenfalls in den nächsten Monaten auf dem Programm. Damit hat sich die Zahl der sogenannten VIP-Lesungen im Vergleich zu früheren Jahren halbiert. „Das Programm ist in diesem Jahr etwas kleiner, da wir nicht zuerst ein großes Programm ankündigen wollten, um dann doch sagen zu müssen, wir fahren nochmal zurück“, erklärt Bürgermeister Forster den abgespeckten Umfang des Formats.

Der Grund ist natürlich die Corona-Pandemie, die kulturelle Veranstaltungen weiterhin stark beeinflusst. So ist für den Besuch der Lesungen mindestens eine Anmeldung nötig, auch wenn die Veranstaltungen weiterhin fast alle kostenfrei sind. Welche Regelungen darüber hinaus gelten, werde dann auf Grundlage der jeweils geltenden Bestimmungen beschlossen, wie Bohn sagt. „Abstandsregelungen wird es aber auf jeden Fall geben.“ Dass hinsichtlich der einzuhaltenden Regularien relative Unsicherheit herrscht, liegt vor allem daran, dass sich die Veranstaltungsreihe über mehrere Monate hinweg streckt.

Erst am 29. März findet die Reihe ihren Abschluss. Mit einem echten Höhepunkt, denn im Saalbau soll dann der frühere ZDF-Moderator Ilja Richter lesen, der sich in der Sendung „Disco“ in den 70-ern Jahren einen Namen machte. Endlich möchte man sagen, denn Richter sollte bereits in den vergangenen beiden Jahren in Homburg auftreten. „Beim dritten Mal muss es jetzt aber klappen“, sagt Hans mit einem Lachen. Lachen sollen auch die Zuhörer, wenn der 68-jährige aus dem humorvollen Buch „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ vorliest. Autor Bodo Kirchhoff lässt darin einen Schriftsteller mit dem Phänomen Kreuzfahrten abrechnen.

Während es bei dieser Veranstaltung eher witzig zugehen dürfte, so wird am 16. November das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte Thema sein. Dann wird nämlich aus dem NS-Enthüllungsroman „Die braune Pest“ aus dem Jahr 1934 gelesen, in dem sich Autor Frank Arnau mit dem noch recht jungen Hitler-Regime auseinandersetzt. Dabei hat es durchaus seine Bewandtnis, wieso dieser eigentlich verschollen geglaubte Roman gerade jetzt in Homburg in den Mittelpunkt gerückt wird.

Denn die einzelne Teile des Werks erschienen in der sozialdemokratischen Zeitung Volksstimme, von der Exemplare aus dem Homburger Stadtarchiv verwendet wurden, um den Roman 2021 erstmals als zusammenhängendes Buch veröffentlich zu können. Herausgeber ist Dr. Adrian Jessinghaus, der im Saalbau aus dem Roman lesen wird. „Durch einen Fernsehbeitrag bin ich auf diese Geschichte gekommen und ich bin wirklich stolz, dass eine solche Lesung hier stattfindet“, freut sich Jutta Bohn. Die viele Mühe, die Bohn und Hans in die Lesezeit gesteckt haben, hat sich also scheinbar auch in diesem Jahr gelohnt.

Die einzelnen Termine im Überblick:

Dienstag, 14. September 2021, 19 Uhr: Dr. Eric Gouverneur liest „High Fidelity“ von Nick Hornby.

Dienstag, 28. September 2021, 19 Uhr: Baumgeschichten: Lesung mit Vernissage; 12 kurze Geschichten darüber, was wir von Bäumen lernen können; Text: Ulrike Wahl-Risser, Bilder: Ramona Schöndorf.

Dienstag, 5. Oktober 2021, 19 Uhr: Aus dem Werk von Fjodor Dostojewski, gelesen von Germanist Michael Schikowski, Lehrbeauftragter an der Uni Bonn.

Dienstag, 12. Oktober 2021, 19 Uhr: Amol is gewen a Jiddele; Liederabend mit vertonten Texten jüdischer Dichter, vorgetragen von der Familie Bollinger.

Dienstag, 26. Oktober 2021, 19 Uhr: Sonnenfinsternis; Udo Recktenwald, Landrat des Kreises St. Wendel liest aus seinem Kriminalroman.

Dienstag, 16. November 2021, 19 Uhr: Die braune Pest; Dr. Adrian Jessinghaus liest aus dem verschollen geglaubten NS-Enthüllungsroman, der in diesem Jahr neu erschienen ist.

Dienstag, 30. November 2021, 19 Uhr, Götz Geburek liest „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher.

Dienstag, 7. Dezember 2021, 19 Uhr: Die Tür; Die freie Journalistin Kerstin Rech liest aus ihrem neuen Thriller.

Dienstag, 25. Januar 2022, 19 Uhr: Herr Sutter und seine Schwestern; Pfarrer Jörg Metzinger erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Schwerkranken, der in einem Krankenhaus unter Quarantäne-Bedingungen anderthalb Jahre auf ein Spenderherz warten muss.

Dienstag, 22. Februar 2022, 19 Uhr: Prof. Barbara Käsmann-Kellner liest „Der einarmige Pianist“ von Oliver Sacks.

Dienstag, 29. März 2022, 19 Uhr: Ilja Richter liest aus Bodo Kirchhofs Werk „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt, Eintritt 14 Euro.

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