Ein zehn Meter langer Truck, vollgepackt mit Computertomograph, Röntgen, Ultraschall, EEG, EKG und Labor – was nach mobiler Notaufnahme klingt, soll künftig direkt vor saarländischen Pflegeheimen Halt machen. Im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften präsentierte das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg gemeinsam mit Gesundheitsminister Dr. Magnus Jung das Fahrzeug des DIKOM-Projektes. Hinter dem sperrigen Kürzel verbirgt sich ein bundesweit beachtetes Konzept: Diagnostik und Konsil im Pflegeheim mittels mobiler Geriatrie Unit.
Die Zielgruppe ist klar umrissen. Mehr als 14.000 Menschen leben im Saarland in rund 160 Pflegeheimen, viele von ihnen in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, manche an Demenz erkrankt. Für sie bedeutet jeder Krankenhaustransport Stress, Aufwand und nicht selten eine spürbare Verschlechterung des Allgemeinzustands. Genau hier setzt das Projekt an: Statt die Patientinnen und Patienten in die Klinik zu bringen, kommt die Klinik zu ihnen.
„Wir bringen damit gute Medizin zu den Menschen in der Fläche, wir zeigen aber auch, dass wir zukunftsorientierte Technologie inklusive digitaler Vernetzung zur Versorgungsoptimierung beherrschen“, erklärte Minister Jung bei der Vorstellung. Die enge Verzahnung von mobiler Diagnostik, digitaler Vernetzung und fachärztlicher Expertise soll Transportwege reduzieren und klinische Ressourcen effizienter nutzen. Finanziert wird das Modellprojekt aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).

Foto: UKS
An Bord arbeiten Fachärzte, Medizinisch-Technische Radiologie-Assistenten und Rettungssanitäter Hand in Hand. Ergänzt wird das Team durch Spezialisten aus kooperierenden Kliniken, die per Live-Schaltung zugeschaltet werden und Befunde in Echtzeit beurteilen. Damit das funktioniert, mussten medizinische Softwarelösungen angepasst, neue Schnittstellen entwickelt und verschlüsselte Übertragungswege geschaffen werden. Ein in Kooperation mit Siemens Healthineers entwickeltes virtuelles Cockpit unterstützt die CT-Diagnostik durch telemedizinische Befundung im Zentrum.

Initiator ist Prof. Dr. Klaus Faßbender, langjähriger Direktor der Klinik für Neurologie am UKS. Vor vier Jahren überzeugte er den G-BA von seiner Idee, ein passendes Diagnostikfahrzeug zu entwickeln und es im Saarland zu erproben. „Die Vernetzung der diagnostischen Gerätschaften an Bord mit einer leistungsfähigen mobilen IT-Infrastruktur sowie die sichere Echtzeit-Anbindung an klinische Fachärzte erforderten eine anspruchsvolle technische Konzeption“, beschreibt Faßbender die Hürden, die das Team nehmen musste.
Gebaut wurde der barrierefrei zugängliche Truck in Homburg, beim auf Fahrzeuge und Trailer spezialisierten Unternehmen A6 Jung. Die größte Herausforderung lag dabei in der Energieversorgung. „Dafür haben wir ein besonders leistungsfähiges Batteriesystem entwickelt, das den ganztägigen Betrieb aller diagnostischen Geräte garantiert und die telemedizinische Vernetzung erst möglich macht“, erklärt Geschäftsführer Axel Jung. Geladen wird über Nacht, tagsüber ist das Fahrzeug voll einsatzbereit. Der sichere Betrieb zweier röntgenstrahlenemittierender Geräte auf engstem Raum wurde mit der MPS – Medizin-Physik und Strahlenschutz GmbH – sowie der saarländischen Strahlenschutzbehörde realisiert.
Der reguläre Einsatz beginnt im September an rund 50 saarländischen Pflegeheimen. Zunächst 4000 Bewohnerinnen und Bewohner sollen so versorgt werden, begleitet durch das Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (ISO) sowie das Berliner Institut für angewandte Versorgungsforschung (inav). Ziel ist es, medizinischen und ökonomischen Nutzen zu belegen und die Grundlage für eine Übernahme in die Regelversorgung zu schaffen.
„Neue Behandlungsmethoden zu erproben und ihren Nutzen wissenschaftlich zu evaluieren, ist eine der Kernaufgaben der Universitätsmedizin“, betonte Prof. Dr. Matthias Hannig, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes und Vorstandsmitglied des UKS. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Saarländischen Pflegegesellschaft, der Kassenärztlichen Vereinigung, allen im Saarland tätigen Kranken- und Pflegekassen, den Diagnostikexperten von Xcare sowie dem Caritasklinikum Lebach.
Dass die Resonanz weit über die Landesgrenzen hinausreicht, zeigt eine Einladung aus Berlin: Vom 23. bis 25. Juni präsentiert sich das Modell auf dem Hauptstadtkongress, dem größten bundesweiten Branchentreffen für Medizin und Gesundheit. Dort werden die beteiligten Unternehmen und Fachexperten auf einem eigenen „DIKOM-Innovations-Campus“ zeigen, was das europaweit bislang einmalige Konzept leisten kann.


















