Wenn ein deutscher Bundeskanzler seine erste Auslandsreise des Jahres nach Indien legt und sie zugleich zur ersten Asienreise im neuen Amt macht, ist das ein deutliches Signal. Friedrich Merz hat in Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat Premierminister Narendra Modi getroffen – an einem Ort, den beide Seiten als Sinnbild für das moderne Indien und seine wirtschaftliche Dynamik beschreiben. Dort machten sie klar: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Indien sollen politisch, wirtschaftlich und beim Thema Fachkräfte spürbar ausgebaut werden.
Merz wurde zu Beginn seiner Indienreise von Modi in dessen Heimatbundesstaat empfangen. Gujarat gilt als Wiege des modernen Indien, von hier aus führte Mahatma Gandhi seinen gewaltlosen Kampf für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie. Der Kanzler besuchte das Geburtshaus Gandhis und sprach von einer „ganz besonderen Geste“ der Einladung in Modis Heimat. „Wir wollen die Beziehungen zwischen Indien und Deutschland auf ein neues, auf ein noch höheres Niveau bringen“, sagte Merz.
In einem gemeinsamen Pressestatement betonten beide Regierungschefs die strategische Bedeutung der Partnerschaft. Modi erinnerte daran, dass Deutschland und Indien im vergangenen Jahr 25 Jahre strategische Partnerschaft gefeiert haben und in diesem Jahr den 75. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen begehen. Diese Meilensteine seien „Symbole unserer gemeinsamen Ziele, unseres gegenseitigen Vertrauens und der zunehmenden und sich intensivierenden Zusammenarbeit“, erklärte Modi. Merz hob hervor: „Deutschland und Indien sind zwei große Demokratien und zwei starke Volkswirtschaften, die vieles miteinander verbindet.“ Die Partnerschaft mit Indien habe für Deutschland „eine hohe Priorität“.
Ein Schwerpunkt des Treffens war die sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Beide Länder wollen ihre Kooperation im Verteidigungsbereich vertiefen. In Gujarat wurden dazu Absichtserklärungen unterzeichnet, die eine engere Zusammenarbeit der Verteidigungsindustrien vorsehen, etwa bei Entwicklung, Produktion und Innovationen sowie beim Aufbau verlässlicher Lieferketten. Merz verwies auf bereits laufende gemeinsame Übungen von Luftwaffe und Marine im Indopazifik und neue Konsultationsformate. Ziel sei es, sicherheitspolitisch enger zusammenzurücken und zugleich Indiens Abhängigkeit von anderen Rüstungslieferanten zu verringern.
Auch wirtschaftlich wollen beide Seiten an Tempo zulegen. Der bilaterale Handel hat nach Angaben Modis ein Rekordhoch von fast 50 Milliarden US-Dollar erreicht, mehr als 2000 deutsche Unternehmen sind in Indien aktiv. Merz warnte vor einer „unseligen Renaissance des Protektionismus“ und stellte klar, dass Deutschland und Indien weiter auf Freihandel und offene Märkte setzen. Beide Regierungen vereinbarten, die Zusammenarbeit in Zukunftsfeldern wie kritischen Mineralien, Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung, Telekommunikation, Wasserstoff, Batteriespeicherung und erneuerbaren Energien zu vertiefen. Ein gemeinsames Exzellenzzentrum für technologische Innovationen soll den Austausch von Wissen und Technologie voranbringen. Merz drängte zudem auf einen zügigen Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen Indien und der EU.
Ein weiterer zentraler Punkt war die Zusammenarbeit bei Bildung und Fachkräften. „Gut ausgebildete Fachkräfte sichern unseren Wohlstand in Deutschland“, sagte Merz. Indien verfüge über „hervorragend ausgebildete junge Menschen“, das sei eine Chance für beide Seiten. Bereits heute studieren nach seinen Angaben rund 60.000 junge Menschen aus Indien in Deutschland, sie bilden die größte Gruppe ausländischer Studierenden. Die Zahl hochqualifizierter indischer Fachkräfte in Deutschland wachse rasant. Beide Seiten wollen legale und geordnete Migration über duale Ausbildungs- und Studienangebote, gezielte Visa- und Fast-Track-Verfahren sowie Partnerschaften zwischen Hochschulen und Unternehmen erleichtern. Eine gemeinsame Global-Skills-Partnerschaft soll insbesondere Fachkräfte im Gesundheitswesen unterstützen.
Modi betonte die Bedeutung der zwischenmenschlichen Kontakte und lud deutsche Universitäten ein, eigene Campus in Indien zu eröffnen. Er dankte Merz für die Ankündigung eines visafreien Transits für indische Staatsbürger. Die vorbereitete Roadmap zur weiterführenden Bildung solle der Partnerschaft neue Impulse geben. Darüber hinaus verwies Modi auf Kooperationen in Bereichen wie Stadtplanung, städtische Mobilität, grüner Wasserstoff, traditionelle Medizin und Sport. Absichtserklärungen etwa zur ayurvedischen Medizin und zu trilateralen Entwicklungsprojekten in Ländern wie Ghana, Kamerun und Malawi sollen bestehende Initiativen ausbauen.
In der Außen- und Sicherheitspolitik unterstrichen beide Regierungschefs ihre gemeinsamen Interessen. Man sei sich einig, dass Reformen globaler Institutionen notwendig seien, etwa im Rahmen des UN-Sicherheitsrats und der G4. Themen wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Lage im Gazastreifen und die Situation im Indopazifik standen ebenfalls auf der Agenda. Modi erklärte, Indien unterstütze „alle Bemühungen“ für friedliche Lösungen von Konflikten und bezeichnete Terrorismus als „ernstzunehmende Bedrohung für die ganze Menschheit“. Merz kündigte an, Deutschland und Indien würden gemeinsam die Werte und Interessen verteidigen, die beide Länder verbinden.
Zum Ende seines Statements ging Merz auf die Lage im Iran ein. Dort demonstrierten seit Wochen Menschen aus vielen Teilen der Gesellschaft für Freiheit und ein besseres Leben. „Für den Mut, mit dem diese Menschen der unverhältnismäßigen, brutalen Gewalt iranischer Sicherheitskräfte widerstehen, gebührt ihnen größte Anerkennung“, sagte der Kanzler. Die Gewalt der Führung in Teheran gegen die eigene Bevölkerung verurteilte er „auf das Schärfste“ und forderte ein Ende der Repressionen.
Merz blickte zum Abschluss des Besuchs nach vorn. Gegen Jahresende sollen in Berlin deutsch-indische Regierungskonsultationen stattfinden, zu denen er Premierminister Modi einlud. Beide Seiten wollen dann die in Gujarat vereinbarten Projekte und Vorhaben weiter konkretisieren und die strategische Partnerschaft weiter ausbauen.

















