Im Klinikalltag zählt oft jede Minute – und jeder Handgriff muss sitzen. Am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg hat sich in den vergangenen drei Jahren ein Bereich besonders stark verändert: die Art und Weise, wie Medikamente verordnet, vorbereitet und an Patienten ausgegeben werden. Was 2022 als Pilotversuch auf zwei orthopädischen Stationen begann, ist Ende 2025 zu einem festen Bestandteil des Krankenhausbetriebs geworden.
Das sogenannte Closed-Loop-Medication-Management umfasst inzwischen rund 28 Stationen und etwa die Hälfte aller Betten am UKS. Jährlich können so rund 60.000 Patienten über eine automatisierte Unit-Dose-Logistik mit individuellen Arzneimittelblistern versorgt werden. „Das Cloosed-Loop-Medication-Management ist am UKS zu einem festen Bestandteil der klinischen Praxis geworden und zu einem positiven Beispiel dafür, wie Digitalisierung im Gesundheitswesen konkret wirken kann: sicherer, effizienter und näher am Patienten“, erklärt Dr. Manfred Haber, Direktor der UKS-Klinikapotheke. Nach seinen Worten ist die Zahl potenzieller Medikationsfehler seit der Einführung deutlich gesunken. Probleme durch unleserliche Handschriften, Verwechslungen bei der Auswahl von Arzneimitteln oder falsche Dosierungen seien heute weitgehend Vergangenheit. „Wir haben in weiten Teilen des UKS den Gold-Standard erreicht: Das richtige Medikament, in der richtigen Dosis, zur richtigen Zeit, beim richtigen Patienten.“

Das System besteht aus vier eng verzahnten Bereichen. Am Anfang steht die elektronische Medikamentenverordnung durch das ärztliche Personal auf den Stationen. Statt handschriftlicher Anordnungen werden die Medikamente digital erfasst. Das beschleunigt die Abläufe, macht sie für alle Beteiligten einsehbar, sorgt für eine direkte Dokumentation und reduziert Fehlerquellen. Im zweiten Schritt kommen Stationsapotheker ins Spiel. Sie arbeiten eng mit Ärzten und Pflegekräften zusammen, beraten zu Therapien und tragen mit ihrer pharmazeutischen Expertise zur Arzneimitteltherapiesicherheit bei.
Der dritte Bereich betrifft die Logistik in der Klinikapotheke. Dort wurde auf ein automatisiertes Unit-Dose-Verfahren umgestellt. Jede Patientin und jeder Patient erhält individuelle Blistertütchen mit den verordneten Medikamenten und allen notwendigen Angaben zu Person und Arzneimittel. Verpackungsautomaten stellen diese Päckchen aus rund 340 verschiedenen Medikamentenbehältern zusammen. Grundlage sind die tagesaktuellen elektronischen Verordnungen, die zuvor pharmazeutisch validiert werden. Ein optisches Kontrollgerät prüft anschließend, ob die richtigen Tabletten in der richtigen Anzahl verpackt wurden. 2025 wurden am UKS fast 1 Mio. dieser Blistertütchen produziert, die monatliche Produktionsleistung liegt inzwischen bei über 90.000 Einheiten.

Sind die Tütchen auf den Stationen angekommen, folgt der vierte Schritt: die Verabreichung durch das Pflegepersonal. Anhand der Angaben auf den Unit-Dose-Päckchen wird erneut kontrolliert, ob die richtigen Medikamente an den richtigen Patienten gehen. Auch diese Gabe wird elektronisch dokumentiert. Auf den Stationen sorgt das für spürbare Entlastung, berichtet Johanna Schmidt, Leiterin der Station Dermatologie 01, die seit zwei Jahren mit dem System arbeitet: „Rund 70 Prozent der Medikamente, die auf unserer Station an die Patientinnen und Patienten ausgegeben werden, erhalten wir mittlerweile über das Unit-Dose-Verfahren“, sagt sie. Zwei Kollegen aus der Klinikapotheke hätten das Team zu Beginn umfassend informiert und die Einführung begleitet. „Die Zeit, die für das Richten der Medikamente benötigt wird, hat sich seitdem deutlich verkürzt. Dies ist insbesondere für die Kolleginnen und Kollegen im Nachtdienst, die den Großteil der Medikamente für den kommenden Tag richten, eine Arbeitserleichterung.“ Statt alle Medikamente selbst zu verpacken, müssten nun vor allem die fertigen Tütchen kontrolliert und nur noch einzelne zusätzliche Präparate wie Pulver oder Tropfen ergänzt werden. „Das reduziert den Zeitaufwand deutlich und trägt letztlich dazu bei, dass uns mehr Zeit für unsere wichtigste Aufgabe, die Betreuung und Versorgung unserer Patientinnen und Patienten, zur Verfügung steht.“
Ähnliche Rückmeldungen kommen von der Knochenmarkstransplantations-Station (KMTS) der Klinik für Innere Medizin I, die seit September 2025 am neuen Medikamentenmanagement teilnimmt. „Viele unserer Patientinnen und Patienten freuen sich über die umfangreichen Informationen auf den Tütchen“, berichtet Anja Müller, stellvertretende Stationsleiterin der KMTS. „Denn die enthalten nicht nur den Namen des Patienten, das Tagesdatum und die Uhrzeit für die Einnahme, sondern auch diverse Hinweise zum Arzneimittel, zu dessen Wirkstoff und zur Dosierung. Und obendrein einen QR-Code, den die Patientinnen und Patienten mit ihren Smartphones scannen können, um online den Beipackzettel der Arzneimittel einzusehen.“ Diese Transparenz werde geschätzt, so Müller. Viele Patienten seien mit Hilfe der Angaben in der Lage, ihre Medikamente eigenständig einzunehmen. „Bei denjenigen, die zu geschwächt dafür sind, unterstützen wir selbstverständlich in vollem Umfang.“

Neben der unmittelbaren Verbesserung im Alltag spielt auch die Auswertung der digital gewonnenen Daten eine Rolle. Nach Angaben von Dr. Haber profitieren Patienten nicht nur von der Vermeidung potenzieller Medikationsfehler durch digitale Verordnung, pharmazeutisches Medikationsmanagement und automatisierte Logistik. „Durch systematische Datenerhebung und kontinuierliche Evaluation können wir auch langfristige Effekte für die Therapiequalität und die Patientensicherheit erzielen“, sagt er. So würden anhand der Daten Risikomedikamente und Risikopatienten identifiziert, um die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) weiter zu verbessern. Künftig sollen die Berufsgruppen am UKS über einen AMTS-Newsletter regelmäßig über neue Erkenntnisse informiert werden, etwa zu Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Gabe verschiedener Medikamente, zur Anpassung von Dosierungen bei chronischen Erkrankungen oder zu Wirkstoffen, die bei bestimmten Patientengruppen vor, während oder nach Operationen nicht eingesetzt werden sollten.
Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, wie stark das System ausgebaut wurde. Im Herbst 2022 startete die Unit-Dose-Versorgung mit patientenindividuellen Blistern auf zwei orthopädischen Stationen. 2023 waren bereits zehn Stationen mit 13.500 Patienten und 182.500 individuellen Blistern eingebunden, insgesamt wurden 180 Betten routinemäßig versorgt. 2024 umfasste die Versorgung 17 Stationen mit etwa 340 Betten, für 34.000 Patienten wurden über 500.000 Einzelblister produziert, das monatliche Aufkommen lag Ende des Jahres bei über 50.000. Ende 2025 erreicht das System rund 60.000 Patienten auf 28 Stationen, die Gesamtmarke von 900.000 patientenindividuellen Blistern dürfte im Jahresverlauf überschritten werden, das monatliche Aufkommen steigt auf über 90.000.
Die Zwischenbilanz nach drei Jahren fällt damit deutlich aus: Am UKS ist aus einem Pilotprojekt ein flächendeckender Routineprozess geworden, der Abläufe verändert, Personal entlastet und die Sicherheit in der Arzneimitteltherapie erhöht.



















