Erst als der Schmerz während einer Radtour zuschlug, wurde aus einem alltäglichen Leiden ein medizinischer Notfall. „Es fühlte sich an, als hätte jemand mit einem Hammer auf meinen Kopf geschlagen“, erinnert sich Katrin Beyer. Für die 30-Jährige war das der Moment, in dem jahrelang unterschätzte Kopfschmerzen plötzlich ihre wahre Dimension offenbarten. Hinter den Beschwerden verbarg sich eine Erkrankung, die unbehandelt ihr Augenlicht hätte kosten können.
Lange hatte die junge Frau ihren wiederkehrenden Kopfschmerzen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. „Man spricht das beim Arzt an, achtet auf seine Gesundheit und nimmt hin und wieder eine Schmerztablette. Dass etwas Ernstes dahinterstecken könnte, daran denkt man in meinem Alter nicht“, sagt sie rückblickend. Als jedoch Sehstörungen hinzukamen, die einfach nicht mehr verschwanden, suchte sie ihren Hausarzt auf, der sie umgehend ins Klinikum Saarbrücken schickte.
In der Notaufnahme prüften die Ärzte verschiedene mögliche Ursachen. Eine Lumbalpunktion, also die Entnahme von Nervenwasser aus dem unteren Rücken, erschien Beyer damals übertrieben. Heute sieht sie das anders. „Als junger Mensch rechnet man nicht damit, dass wirklich etwas so Ernstes dahinterstecken könnte.“ Weil ihr Hausarzt hartnäckig blieb und sie erneut auf den Winterberg schickte, kam die eigentliche Diagnose schließlich ans Licht.
Weitere Untersuchungen, darunter eine Computertomographie mit Kontrastmittel und eine Venendruckmessung, deckten Verengungen in zwei sogenannten Sinusvenen auf. Diese großen Blutleiter transportieren das Blut aus dem Gehirn zurück zum Herzen. Durch die Engstellen staute sich das Blut, der Druck im Schädelinneren stieg. Die Mediziner diagnostizierten eine intrakranielle Hypertension – einen erhöhten Hirndruck, der den Sehnerv dauerhaft schädigen kann. Bei Katrin Beyer war das Sehvermögen bereits in Gefahr.
Behandelt wurde der Fall interdisziplinär im Neurovaskulären Zentrum des Klinikums Saarbrücken. Oberärztin Dr. Anouck Becker-Dorison aus der von Prof. Dr. Andreas Binder geleiteten Klinik für Neurologie übernahm die Betreuung und stimmte das weitere Vorgehen eng mit dem Institut für Radiologie unter Prof. Dr. Elmar Spüntrup ab. Zusätzlich holten die Ärzte die Expertise von PD Dr. Christian-Paul Stracke vom Universitätsklinikum Münster ein, wo eine spezialisierte Sprechstunde für genau solche Krankheitsbilder besteht.
Da eine weitere Verschlechterung des Sehvermögens drohte, entschied sich das Team für die Implantation eines Stents, um die verengte Hirnvene dauerhaft zu erweitern. Der Eingriff erfolgte auf einer modernen 2-Ebenen-Angiographie-Anlage, die die Hirngefäße gleichzeitig aus zwei Blickwinkeln sichtbar macht. Über einen feinen Katheter bestätigten die Ärzte zunächst die dramatischen Druckverhältnisse. Selbst der erfahrene Spezialist aus Münster zeigte sich beeindruckt: „Solch ausgeprägte Druckunterschiede sehen wir auch in unserem Zentrum nur sehr selten.“
Anschließend schoben die Mediziner einen Katheter von der Leiste bis zu den betroffenen Hirnvenen vor und platzierten dort den Stent. Möglich wurde das durch eine Neuerung: „Seit wenigen Wochen steht nun auch ein ausreichend großer Stent zur Verfügung, der speziell für den Einsatz in den Hirngefäßen zugelassen ist“, erklärt Prof. Spüntrup. Zuvor mussten die Ärzte häufig auf Modelle aus anderen Gefäßgebieten wie der Halsschlagader zurückgreifen.
Für die Patientin bedeutet die Behandlung weit mehr als das Nachlassen des Drucks. „Für die Patientin bedeutet das die Chance auf eine nachhaltige Linderung ihrer Beschwerden und vor allem einen wichtigen Beitrag zum Erhalt ihres Sehvermögens“, betont Becker-Dorison. Der Fall zeigt, wie eng verzahnte Fachdisziplinen und moderne neurovaskuläre Medizin Patientinnen und Patienten neue Perspektiven eröffnen können – wohnortnah und hochspezialisiert.
















