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In saarländischen Krankenhäusern gehört Demenz längst zum Alltag – oft leise, manchmal erst auf den zweiten Blick. Wenn ältere Menschen wegen anderer Beschwerden eingeliefert werden, treffen Klinikabläufe auf Patienten, die Orientierung, Ruhe und klare Strukturen brauchen. Genau diese Kluft dürfte sich in den kommenden Jahren weiter vergrößern.

Nach Zahlen aus dem BARMER-Krankenhausreport werden die Krankenhausfälle mit Demenzerkrankten aus dem Saarland von 2023 bis 2040 deutlich zunehmen. Konkret rechnet die Krankenkasse mit einem Plus von 23 Prozent: von 15.500 Fällen im Jahr 2023 auf 19.100 im Jahr 2040. Die Landesgeschäftsführerin der BARMER in Rheinland-Pfalz und im Saarland, Dunja Kleis, sieht die Kliniken damit vor wachsenden organisatorischen und pflegerischen Herausforderungen. Am 23. Februar 2026 erklärte sie in Saarbrücken: „Im Saarland gibt es schon eine Reihe von Initiativen und Maßnahmen, die die Situation von Demenzerkrankten im Krankenhaus adressieren. Dazu gehört die Benennung von Demenzbeauftragten in den Kliniken. Dennoch sollten die Krankenhäuser im Saarland so bald wie möglich auf Grundlage wissenschaftlicher Studien einheitliche und umfassende Demenzkonzepte entwickeln, um bestmöglich auf die Bedürfnisse von Demenzerkrankten eingehen zu können.“ Teil solcher Konzepte sollten nach Angaben der BARMER auch spezialisierte Krankenhausstationen und eine Angehörigenbegleitung sein.

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Der Report führt den erwarteten Zuwachs bei den Klinikfällen vor allem auf die demografische Entwicklung zurück. Mit der Alterung der Gesellschaft steigt demnach auch die Zahl der Demenzdiagnosen insgesamt. Im Saarland lag die Zahl der Demenzerkrankten 2013 bei 20.200 und stieg bis 2023 auf 22.900. Für 2023 entspricht das rechnerisch 23,1 Demenzerkrankten je 1.000 Einwohner; bundesweit waren es 20,3. Damit liegt das Saarland laut Report an der Spitze unter den westdeutschen Bundesländern.

Für 2040 prognostiziert die Auswertung 27.800 Demenzerkrankte im Saarland. Das wären 21 Prozent mehr als 2023. Kleis verbindet die Prognose auch mit der Frage, wie Krankenhausaufenthalte vermieden oder verkürzt werden können. „Telemedizinische Monitoring-Systeme könnten helfen, Klinikaufenthalte von Demenzerkrankten zu vermeiden. Mit ihnen lassen sich frühzeitig gesundheitliche Verschlechterungen erkennen“, sagte sie. Als weitere Ansätze nennt die BARMER eine bessere Sturzprävention, etwa durch Mobilitätsförderung, eine Anpassung des Wohnumfelds oder technische Assistenzsysteme.

Wie stark Demenz bereits heute in den Kliniken präsent ist, zeigen BARMER-Zahlen für das Jahr 2023: Von 33.700 Krankenhausfällen saarländischer Versicherter entfielen 6,0 Prozent auf Menschen mit Demenz. Gleichzeitig sieht die BARMER strukturelle Lücken. So listet die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie für das Saarland keine einzige Klinik mit demenzsensiblen Strukturen, zu denen etwa separate, wohnliche Räume und geschultes Personal zählen.

Aus Sicht der Krankenkasse ist ein Schritt bereits getan: Kliniken im Saarland müssen seit 2024 verbindlich Demenzbeauftragte einsetzen. Kleis wertet das als Fortschritt, erwartet aber deutlich mehr. „Dass saarländische Kliniken seit dem Jahr 2024 verbindlich Demenzbeauftragte einsetzen müssen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Zahl saarländischen Kliniken mit einem umfassenden Demenzkonzept muss aber deutlich zulegen, denn die aktuellen Strukturen in Kliniken sind oft nicht optimal auf die Bedürfnisse Demenzerkrankter ausgerichtet“, betonte sie.

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Der Report beschreibt auch, warum die Versorgung in vielen Häusern als schwierig gilt. Unzureichende Orientierung, fehlende Tagesstruktur und Zeitdruck im Klinikalltag erhöhen demnach das Risiko für Komplikationen wie akute Verwirrtheitszustände bei Menschen mit Demenz. Zudem würden Betroffene nach einer Krankenhausaufnahme überdurchschnittlich oft in höhere Pflegegrade eingestuft. „Krankenhausaufenthalte wirken als Beschleuniger von Pflegeabhängigkeit und verstärken den Druck auf Pflegeversicherung und Angehörige“, unterstrich Kleis.

Warum der Krankenhausreport das Thema Demenz besonders betrachtet, begründet die BARMER mit einer Studie der Robert Bosch Stiftung aus dem Jahr 2019. Demnach sind Demenzerkrankungen dem Krankenhauspersonal bei der stationären Aufnahme häufig nicht bekannt. Die stationäre Versorgung dieser Menschen stelle Kliniken vor erhebliche Herausforderungen, auf die bislang nur wenige Einrichtungen systematisch vorbereitet seien.

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Die Datengrundlage der Auswertungen besteht laut BARMER aus Informationen von rund 8,7 Millionen Versicherten aus den Jahren 2013 bis 2023. Im Saarland hatte die BARMER in diesem Zeitraum rund 120.000 Versicherte. Um Aussagen auf Bevölkerungsebene treffen zu können, wurden die Werte auf die jeweilige Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Demenz wird dabei als neurologisches Krankheitsbild beschrieben, das mit Abbau und Verlust kognitiver Fähigkeiten einhergeht; zu den häufigsten Formen zählen Alzheimer-Demenz und vaskuläre Demenz. Als Risikofaktoren nennt die BARMER unter anderem Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, erhöhte Blutfettwerte, deutliches Übergewicht, Rauchen sowie übermäßigen Alkoholkonsum, wobei ein deutlich erhöhtes Risiko vor allem nach jahrelangem Missbrauch gesehen wird.

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