Drei von vier Unternehmen im Saarland sehen ihre Geschäftsrisiken steigen – und der Hauptverursacher sitzt nicht am Markt, sondern in den politischen Schaltzentralen. Das ist der ungeschönte Befund einer aktuellen Sonderumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Saarland, an der sich im April 2026 rund 140 Betriebe beteiligten. Verglichen mit der ersten Erhebung aus dem Jahr 2024, als noch 60 Prozent der Firmen wachsende Risiken meldeten, hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt.
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Thomé stellte die Ergebnisse gemeinsam mit Dr. Carsten Meier, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik und Unternehmensförderung, am 15. Juni 2026 in Saarbrücken vor. Seine Einordnung fällt scharf aus. „Die Umfrage ist ein Alarmsignal: Das größte Geschäftsrisiko ist nicht der Markt, sondern die Standortpolitik“, so Thomé. Wenn 83 Prozent der Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland als Risiko benennen, sei das aus seiner Sicht ein Misstrauensvotum gegen die Verlässlichkeit des Standorts.
Besonders die industriellen Kerne und das Baugewerbe stehen unter Druck. In diesen Branchen melden inzwischen 83 beziehungsweise 82 Prozent der Betriebe wachsende Risiken. Die Belastungsfaktoren haben sich dabei grundlegend verschoben: Nicht mehr klassische Konjunkturschwankungen treiben die Sorgen, sondern Bürokratie, Arbeitskosten, Energiepreise, Steuerlast und fehlende Planungssicherheit. Hinter dem Spitzenwert der politischen Rahmenbedingungen folgen Arbeitskosten mit 59 Prozent, Energiepreise mit 54 Prozent sowie Steuern und Abgaben mit jeweils 48 Prozent.
„Die Risiken addieren sich nicht nur – sie verstärken sich gegenseitig“, warnt Thomé. Energiepreise, Arbeitskosten, Steuerlast, Bürokratie und geopolitische Unsicherheit drückten die Betriebe in einen permanenten Krisenmodus. Fehlten passende Rahmenbedingungen, werde aus der angestrebten Transformation rasch eine „Deindustrialisierung auf Raten“. Carsten Meier ergänzt, dass die Industrie Dekarbonisierung, Digitalisierung, geopolitische Verschiebungen und demografischen Wandel zeitgleich bewältigen müsse – ein Spagat, der ohne ausreichende Investitionsspielräume kaum gelingen könne.
Genau diese Spielräume schrumpfen. 37 Prozent der Unternehmen wollen ihre Investitionen in den kommenden zwölf Monaten zurückfahren, lediglich 14 Prozent rechnen mit einem Aufwuchs. Zugleich verändert sich die Qualität der Ausgaben: Ersatzinvestitionen verdrängen Erweiterungen. Ihr Anteil ist von 39 Prozent im Jahr 2024 auf inzwischen 53 Prozent gestiegen. Viele Betriebe investieren also nicht mehr in Wachstum, sondern in den bloßen Erhalt des Bestehenden.
Trotz der angespannten Lage bleibt die Standorttreue im Saarland bemerkenswert. 87 Prozent der geplanten Investitionen sollen weiterhin im Land erfolgen. Allerdings sehen mehr als die Hälfte der Unternehmen Auslandsinvestitionen kritisch – sie befürchten, dass diese zulasten der Beschäftigung in Deutschland gehen. „Die Unternehmen stehen trotz aller Belastungen weiterhin zum Standort. Dieses Vertrauen darf die Politik durch ihr Handeln nicht weiter verspielen“, mahnt Thomé.
Ein eigenes Kapitel ist die Energiefrage. 73 Prozent der Betriebe berichten von gemessen am Umsatz steigenden Energiekosten, im Handel sind es sogar 94 Prozent. Die Folgen reichen tief: 37 Prozent der Unternehmen stellen Investitionen in Kernprozesse zurück, jeder vierte Betrieb verschiebt Vorhaben im Klimaschutz. In der Industrie räumen 40 Prozent ein, dass hohe Energiepreise Produktionsverlagerungen oder Drosselungen begünstigen. „Wenn Unternehmen Investitionen in Modernisierung, Innovation oder Klimaschutz verschieben müssen, weil Energie- und Netzkosten explodieren, dann gefährdet der aktuelle Umsetzungspfad der Energiewende zunehmend die Ziele der Energiewende selbst“, formuliert Thomé pointiert.
Auch der Arbeitsmarkt gerät unter Druck. Nur noch sechs Prozent der Unternehmen wollen zusätzliches Personal aufbauen, 2024 waren es immerhin 14 Prozent. Im Gegenzug rechnen 39 Prozent mit sinkenden Beschäftigtenzahlen – ein deutlicher Sprung gegenüber den 23 Prozent vor zwei Jahren. Für Meier ist das mehr als eine konjunkturelle Delle: Wenn Investitionen und Beschäftigung gleichzeitig zurückgingen, erodiere das Produktionspotenzial und damit der Wohlstand eines Industrielandes.
Die IHK fordert deshalb von der schwarz-roten Bundesregierung einen wirtschaftspolitischen Neustart. „Die Zeit kleinteiliger Korrekturen und zaghafter Trippelschritte ist vorbei“, so Thomé. Auf der Liste stehen konsequenter Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungsverfahren, international wettbewerbsfähige Energiepreise, eine investitionsfreundliche Steuerpolitik und spürbare Entlastungen bei den Arbeitskosten. Länder wie die Schweiz oder Dänemark zeigten, dass wirtschaftliche Dynamik, hohe Beschäftigung und soziale Sicherheit durchaus zusammenpassten.
Für Thomé entscheidet sich gerade, ob Deutschland zu Wachstum und industrieller Stärke zurückfindet oder sich die strukturelle Schwäche weiter festsetzt. Die Saarwirtschaft, so sein Fazit, wolle investieren und Arbeitsplätze sichern. Aber sie brauche dafür einen klaren Kurswechsel: „weg von Belastung und Misstrauen, hin zu Verlässlichkeit, Tempo und Wettbewerbsfähigkeit“.






















