In Homburg hat am Sonntag die NDR-Journalistin Anja Reschke den mit 10.000 Euro dotierten Siebenpfeiffer-Preis 2019 erhalten. Die Siebenpfeiffer-Stiftung hatte bereits im August in den Medien angekündigt, dass sie ihren im Zweijahres-Rhythmus ausgelobten Preis an die Moderatorin des Polit-Magazins „Panorama“ verleihen wird, weil die Jury zu der Überzeugung gelangt war, dass Reschke eine „Kämpferin gegen die moderne Form der Zensur – die Bedrohung der Meinungs-, Presse- und Rundfunkfreiheit durch die ‚Hater‘ und Trolle im Netz“ sei.

von Rosemarie Kappler

Im August war es auch, als Reschke beim NDR zur Leiterin des Programmbereiches Kultur und Dokumentation befördert wurde. Exakt vier Jahre zuvor hatte sie in den Tagesthemen deutliche Worte für jene gefunden, die vor allem in der Anonymität der sozialen Medien den Zustrom von Flüchtlingen mit Hasskommentaren begleiteten. „Anja Reschke zeigt seit Jahren durch ihre journalistische Arbeit Rückgrat“, sagte deshalb am Sonntag Prof. Thomas Kleist, Vorsitzender der Jury und Intendant des Saarländischen Rundfunks bei der Preisverleihung.

Mit deutlichen Worten kritisierte Kleist „die neue Form der ‚Zensur‘ im Netz: Schmähkritik, Beleidigungen, Hassparolen und Drohungen gegen Leib und Leben insbesondere von Journalisten, sorgten dafür, dass mancher in die Knie geht und schweigt, statt weiter seine Meinung frei zu äußern. Früher sei Zensur von staatlichen Stellen ausgegangen. Die neue Form der Zensur, so Kleist, sei „Teufelszeug“. Denn unsere freiheitliche Demokratie dulde weder Repression noch Zensur, wenn es um den Schutz der Wahrheit geht und die Freiheit, seine eigene Meinung zu sagen.

Sowohl die Preisträgerin Anja Reschke wie auch ihre WDR-Kollegin Sonia Seymour Mickich, die am Sonntag die Laudatio hielt, haben die Wirkung von Hate-Posts und offenem Frauenhass am eigenen Leib erfahren. Dagegen helfe nur Haltung wahren, Mund aufmachen, dagegen halten, Öffentlichkeit herstellen, die Kraft der Zivilgesellschaft mobilisieren und den „Aufstand der Anständigen“ proben.

Landrat Dr. Theophil Gallo ging noch einen Schritt weiter. Man müsse wohl auch über die Frage reden, „ob wir Politik angesichts des Einflusses digitaler Medien neu denken müssen, weil die politische Willensbildung – anders als vom Grundgesetz in Artikel 21 gewünscht – nur noch bedingt der Mitwirkung von Parteien unterliegt, sondern zunehmend über digitale Medien erfolgt und beeinflusst zu werden scheint, insbesondere von denen die spalten und ihre rein partikularen Interessen verfolgen.“

Was als Internet 1969 mit der Vernetzung von Großrechnern an Universitäten und Forschungseinrichtungen begann, ist über den Prozess der Kommerzialisierung zu einer ungeheuren Meinungs- und Manipulierungsmaschinerie geworden, über die bereits fast die Hälfte der Weltbevölkerung erreicht wird. „Die ganze Welt wird so zum globalen Dorf, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass allgemein gültige und für alle verbindliche Spielregeln fehlen oder nur schwer durchsetzbar sind“, warnte Kleist vor den dadurch möglichen Folgen von gezielter Desinformation, dem Verbreiten von Lügen, anonymen Beleidigungen bis hin zu staatsrechtsrelevanten Drohungen.

„Die Nutzer können in einer Flut von Informationen schwimmen oder untergehen. Gerade im Netz verschwimmen die Grenzen zwischen Fakten und subjektiver Darstellung völlig“, sagte Mickich in ihrer Laudatio und riet zwecks Realabgleich zu einfachen Fragen: „Wer berichtet mir was und mit welchem Interesse? Wer will, dass ich was glaube und warum?“ Auch machte Mickich deutlich, dass es im Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Substanz für Journalisten schwierig ist, sich Grundvertrauen und Wohlwollen zu erarbeiten.

Aber nur eine freie Presse, so Reschke wiederum, könne Demokratie gewährleisten. Mit Verve trat sie dem Vorwurf „Lügenpresse“ aus rechten Kreisen entgegen: „Das ist ein echter Angriff auf die Demokratie.“ Einig waren sich Preisträgerin Reschke und die übrigen Redner darin, dass Alle, und vor allem alle Medien verantwortungsvoll und selbsbstkritisch mit Darstellungen umgehen müssen. Bleiben wir doch kurz bei der Selbstkritik.

Wenn am frühen Sonntag zwischen null und ein Uhr Focus, Welt, Süddeutsche Zeitung, RTL, T-Online und weitere Dutzend Zeitungen in ihren Internet-Portalen zwölf Stunden vor der Siebenpfeiffer-Preisverleihung berichten „Homburg (dpa) – Die Journalistin und ARD-Fernsehmoderatorin Anja Reschke (47) ist am Sonntag im saarländischen Homburg mit dem Siebenpfeiffer-Preis 2019 geehrt worden“, dann sind die Medien zwar wieder einmal ihrer Zeit voraus, stellen sich aber selbst in Frage. Und da sind dann in der Tat Alle gefragt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte kommentieren sie.
Bitte geben sie ihren Namen ein.