Jede zweite Frau in Deutschland hat bereits psychische Gewalt erlebt, jede fünfte wurde in einer bestehenden oder früheren Partnerschaft körperlich angegriffen. Zahlen, die nicht in abstrakten Statistiken verharren dürfen – denn hinter jeder einzelnen steckt ein konkretes Schicksal. Aktuelle Erhebungen der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ belegen zudem, dass knapp jede zehnte Frau hierzulande bereits Erfahrungen mit digitaler Gewalt gemacht hat. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre war sogar jede fünfte betroffen.
Wie real und vielschichtig geschlechtsspezifische Gewalt im digitalen Raum sein kann, zeigt derzeit der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes. Berichte über mutmaßlichen Identitätsmissbrauch, Bedrohungen und digitale Übergriffe gegen sie lösten eine breite Solidaritätswelle aus. Der Fall macht sichtbar, was Fachleute seit Jahren betonen: Gewalt gegen Frauen beschränkt sich längst nicht mehr auf physische Übergriffe. Sie findet in Chatverläufen statt, in manipulierten Profilen, in systematischer Einschüchterung über soziale Netzwerke – und sie trifft Frauen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten.
Genau an dieser Stelle setzt das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ an. Unter der Rufnummer 116 016 stehen mehr als 100 qualifizierte Beraterinnen bereit, die zu sämtlichen Formen von Gewalt Auskunft geben – von Partnerschaftsgewalt über Stalking und Mobbing bis hin zu Zwangsheirat, Vergewaltigung und Menschenhandel. Das Angebot ist kostenlos, anonym und vertraulich. Es steht rund um die Uhr zur Verfügung, an 365 Tagen im Jahr.
Wer nicht telefonieren kann oder möchte, erreicht die Beratung auch per E-Mail sowie über einen Sofort- oder Termin-Chat auf der Webseite www.hilfetelefon.de. Damit möglichst viele Betroffene Zugang finden, erfolgt die Beratung bei Bedarf in 18 Fremdsprachen, in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache. Das Hilfetelefon richtet sich dabei nicht ausschließlich an gewaltbetroffene Frauen selbst. Auch Angehörige, Bekannte und Fachkräfte können sich an die Beraterinnen wenden – etwa wenn sie unsicher sind, wie sie einer betroffenen Person helfen können. Auf Wunsch vermittelt das Team an eine Unterstützungseinrichtung vor Ort.
Getragen wird das Angebot vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Es gehört damit zur öffentlichen Infrastruktur gegen geschlechtsspezifische Gewalt, die in den vergangenen Jahren zwar ausgebaut wurde, aber nach Einschätzung vieler Beratungsstellen noch immer zu wenig bekannt ist. Gerade die aktuelle Debatte um digitale Gewalt verdeutlicht, wie wichtig niedrigschwellige Anlaufstellen sind. Denn der erste Schritt aus der Gewalt beginnt oft mit einem einzigen Anruf – oder einer Nachricht im Chat.
Die Dunkelfeldstudie, auf deren Daten sich die aktuellen Zahlen stützen, trägt den Titel „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ und untersucht Gewalterfahrungen von Frauen innerhalb und außerhalb von Partnerschaften. Ihre Ergebnisse unterstreichen, dass geschlechtsspezifische Gewalt kein Randphänomen ist, sondern ein strukturelles Problem, das mitten in der Gesellschaft stattfindet. Wer hinschaut und Betroffene auf Hilfsangebote aufmerksam macht, kann einen entscheidenden Unterschied machen.























