
Vor zweihundert Jahren begann mit einem Blick aus einem Arbeitszimmer eine Revolution. Als Joseph Nicéphore Niépce 1826 das erste erhaltene Foto schuf, veränderte sich nicht nur eine Technik – sondern die Art, wie Menschen Welt wahrnehmen. Mit „Abbild und Abstraktion“ greift die Galerie Julia Johannsen dieses Jubiläum auf – nicht nostalgisch, sondern als Anlass, das Verhältnis von Wirklichkeit und Verfremdung neu zu befragen.

„Das war eine technische Revolution, die den Blick der Menschen auf die Welt verändert hat“, sagt Julia Johannsen über die Anfänge der Fotografie. Und genau diese Verschiebung interessiere sie: Wenn heute alles technisch perfekt, jederzeit und unendlich reproduzierbar erscheint, wenn Medien im Überfluss genutzt werden, dann stellt sich die Frage nach Authentizität und künstlerischer Aussage umso dringlicher.
Gerade deshalb wollte sie in der aktuellen Ausstellung„Abbild und Abstraktion“, welche vor wenigen Tagen viel Publikum in ihre Galerie in der Homburger Alstadt lockte, die subjektive Sicht der Künstler sichtbar machen – „einerseits im Abbild, aber eben auch in der Abstraktion“. Und tatsächlich zeigt sich: Selbst in einer Welt, in der scheinbar alles darstellbar ist, bleiben Überraschungen möglich.

Johannsen arbeitet bewusst und gerne im Team. Je nach thematischer Akzentuierung stellt sie dabei immer wieder neue Konstellationen zusammen. So entsteht kein Nebeneinander isolierter Werke, sondern ein echter und interessanter Dialog.
Thorsten John Wolf, Journalist und Fotograf, richtet seinen Blick auf Formfelder – Strukturen, die das Gegenständliche beinahe hinter sich lassen. Hans-Peter Wiechers aus Hannover, Autor fotohistorischer Bücher und 2019 bereits im Rahmen der HomBuch mit einem Werk über Walter Ballhause in der Galerie präsent, versteht Abstraktion als Reduktion: „Abstraktion heißt für mich reduzieren auf die wesentlichen Elemente – auf die eine, wesentliche Bildaussage.“ Ein denkmalgeschützter Industriebau verschwindet bei ihm im Spiel von Licht und Blende, Lichtquellen beginnen zu schweben. Bewegung reduziert sich auf Spur und Rhythmus. Seine Eingriffe bleiben bewusst innerhalb dessen, was auch in der analogen Dunkelkammer möglich wäre – Ausschnitt, Abwedeln, Belichtungskorrektur.

Alexander Pitzius zeigt erstmals Radierungen und beschreibt seine Arbeiten als „Angebote zum Innehalten, zum genauen Sehen und zum eigenen Weiterdenken.“ Erika Kaisarov nutzt digitale Fotografie und rückt diesmal das Thema Natur in den Mittelpunkt. Tristan Matthias Didion verfremdet eigene Fotografien zu abstrakten Formen – ein solches Motiv prägte auch die Ausstellungseinladung. Nico Reisich bewegt sich zwischen impulsiver, freier Malweise und zunehmend strukturierter Planung.
Isaac Ayala hat das Thema besonders konsequent aufgegriffen: Drei Fotografien aus seiner texanischen Heimat bilden die Grundlage für drei abstrakte Werke. Hermann Weis bringt es in einem Titel auf den Punkt: „Auflösung des Gegenstands.“ Und Julia Johannsen selbst? Für sie sind Abbild und Abstraktion in der Malerei nicht voneinander zu trennen – der Übergang bleibt fließend, wie auch das Titelmotiv der Ausstellung zeigt.

Dass das zunächst sperrig klingende Thema zugänglich wurde, zeigte sich bei der Vernissage. Viele Gäste entdeckten neue Perspektiven, kamen miteinander und mit den Künstlern ins Gespräch.
Und wie geht es weiter? Unter den Gästen war auch Pianist Sebastian Voltz. Bereits in der Vergangenheit entstand das Booklet seiner Solo-CD „Voyages“ nach einem Shooting in Johannsen Galerie – damals mit einem eigens mitgebrachten Piano und einem Konzert zwischen den Bildern. Nun plant er ein neues Projekt und erneut eine Zusammenarbeit. Eine weitere Ausstellung ist in Vorbereitung.

Vielleicht ist genau das die leise Botschaft dieser Schau: Bilder sind keine statischen Objekte. Sie wirken weiter. Sie werden zu Klang. Zu Bewegung. Zu neuen Projekten. „Abbild und Abstraktion“ sind hier eben kein Gegensatz – sondern ein Kreislauf.
Wer die Ausstellung gerne sehen möchte, kann einfach während der offiziellen Öffnungszeiten vorbeischauen. Kontakt zur Künstlerin gibt unter juliajohannsen.de.





























