Fast jeder kennt sie, kaum jemand nutzt sie: Die elektronische Patientenakte steht anderthalb Jahre nach ihrem bundesweiten Start vor einem grundlegenden Problem. Das digitale Versprechen bleibt bislang auf dem Papier – oder genauer gesagt: in der technischen Infrastruktur, die zwar existiert, aber im Versorgungsalltag kaum ankommt.
Das belegt eine aktuelle repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland. Demnach ist die ePA mit 81,5 Prozent zwar weithin bekannt, doch nur 23,5 Prozent der Befragten geben an, sie tatsächlich zu verwenden. Seit der Einführung Ende April 2025 hat sich an dieser Diskrepanz nur wenig verändert. Die Bekanntheit stagniert auf hohem Niveau, die Nutzung kommt nicht in Schwung.
Für Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, liegt die Ursache nicht beim Zufall, sondern im System. „Unsere Umfragen zeigen, dass die elektronische Patientenakte bereits vor einem Jahr so bekannt war wie heute. Die Zahl der Nutzenden ist in diesem Zeitraum aber kaum gestiegen und die ePA bleibt hinter den Erwartungen zurück“, erklärt sie. Solange weder Krankenkassen noch Leistungserbringer Anreize hätten, die Akte weiterzuentwickeln und einzubinden, werde sich daran nichts ändern. „Dieser Konstruktionsfehler muss behoben werden. Es reicht nicht, darauf zu vertrauen, dass die Digitalisierung in Deutschland von selbst vorankommt.“
Genau hier zeigt sich die Schwäche des Projekts. Während Gesundheits-Apps auf dem freien Markt um Nutzer werben, an Termine erinnern, Dokumente bereitstellen oder Impfinformationen übersichtlich aufbereiten, fehlt der ePA dieser Innovationsdruck. Sie beschränkt sich im Kern auf das Bereitstellen einer Technik, ohne den konkreten Mehrwert zu liefern, der die Menschen zum regelmäßigen Nutzen bewegen würde.
Dass digitale Lösungen den Alltag tatsächlich erleichtern können, führt das E-Rezept vor Augen. Es hat die Verordnung und Einlösung verschreibungspflichtiger Arzneimittel digitalisiert und das klassische Papierrezept weitgehend abgelöst. Für Pharma Deutschland ist das die Messlatte: Auch die ePA müsse einen spürbaren Beitrag zur Versorgung leisten, statt bloße Infrastruktur zu bleiben.
Umso größer ist die Fallhöhe mit Blick auf die einstigen Ankündigungen. Zum Start am 29. April 2025 zeigte sich der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach überzeugt, die ePA werde „bereits nach kurzer Zeit im Versorgungsalltag in Deutschland nicht mehr wegzudenken sein“. Auch die Krankenkassen hatten große Hoffnungen. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, sprach beim Pilotstart im Januar 2025 von einem „enormen Potenzial für die Behandlung von Patientinnen und Patienten“. Carola Reimann vom AOK-Bundesverband nannte das Digitalisierungsdefizit im deutschen Gesundheitssystem „gigantisch“ und begrüßte den Auftakt der „ePA für alle“.
Die Kassen hatten damals allerdings auch auf Voraussetzungen verwiesen: die aktive Nutzung durch alle Beteiligten, die Sicherheit der Daten und die nötige Zeit, bis sich der praktische Nutzen entfaltet. Zeit ist inzwischen vergangen – der durchschlagende Erfolg aber bislang ausgeblieben. Die Daten stammen aus einem kontinuierlichen Live-Monitoring, das Civey seit Januar 2025 mit rund 5.000 Befragten durchführt.

















