Fast 200 Jahre alt und dennoch von unerwarteter Aktualität: Eine gusseiserne Druckerpresse aus dem frühen 19. Jahrhundert erzählt derzeit ein Kapitel Homburger Stadtgeschichte, das eng mit dem Ringen um Pressefreiheit und Demokratie in Deutschland verknüpft ist. Für Michael Emser, Abteilungsleiter Denkmalpflege und Stadtarchiv der Kreisstadt, ist die sogenannte „Wirth-Presse“ weit mehr als altes Metall. „Diese Druckerpresse ist ein außergewöhnliches Zeugnis der Homburger Stadtgeschichte“, sagt er. „Sie steht für eine Zeit, in der Homburg ein wichtiger Ort der politischen Publizistik und der Auseinandersetzung um Freiheit und Demokratie war.“
Rund 880 Kilogramm bringt das Stück auf die Waage. Es gehört der Stadt Homburg und wird momentan in der Tadano-Lehrwerkstatt in Zweibrücken aufgearbeitet. Fachleute sprechen von einer Stanhope-Presse, benannt nach ihrem Erfinder. Sie war die erste vollständig aus Eisen gefertigte Presse ihrer Art, kam um das Jahr 1800 auf den Markt und wurde in der Folge vielfach nachgebaut.
Gefertigt wurde das Homburger Exemplar vom Zweibrücker Maschinenbauer Christian Dingler. Ihren Namen verdankt sie Johann Georg August Wirth, der ab 1832 in Homburg die „Deutsche Tribüne“ herausgab. Gemeinsam mit Philipp Jakob Siebenpfeiffer zählte Wirth zu den prägenden Figuren der frühen deutschen Demokratiebewegung. „An ihr lässt sich Geschichte nicht nur erzählen, sondern tatsächlich begreifen“, betont Emser. „Man sieht, wie damals gearbeitet wurde, und bekommt einen unmittelbaren Zugang zu der Zeit, in der Wirth in Homburg publizistisch tätig war.“

Foto: Julie Jager
Erst kürzlich stand die Presse auf großer Bühne. Als Leihgabe der Stadt war sie 2025 ein zentrales Exponat der Bayerischen Landesausstellung „Ludwig I. – Bayerns größter König?“ im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Zur Eröffnung reiste Oberbürgermeister Michael Forster eigens an, um die Kreisstadt und ihre besondere Geschichte überregional zu vertreten. Nach dem Ende der Schau ging es zurück in die Region – allerdings zunächst nach Zweibrücken und damit an jenen Ort, an dem die Maschine einst entstanden war.
Dass die Presse dort nun so gründlich untersucht wird, verdankt sich einem Zufall. Klaus Meissner, pensionierter Maschinenbauingenieur und Mitglied des Vereins „Zweibrücker Industriekultur e. V.“, stieß am Homburger Freiheitsbrunnen auf eine Darstellung der Druckerpresse und erkannte darin eine Dingler-Presse. Die Abbildung kam ihm technisch falsch vor. „Da habe ich zunächst gedacht: Der Bildhauer hat ja überhaupt keine Ahnung gehabt“, erzählt Meissner. „Dann bin ich ins Siebenpfeifferhaus gegangen und habe das Original gesehen. Und da musste ich den Bildhauer rehabilitieren.“

Foto: Julie Jager
Tatsächlich hatte der Künstler die Presse korrekt abgebildet – nur war das Original selbst im Laufe der Zeit falsch zusammengesetzt worden. Für Meissner begann damit eine technische Spurensuche. „Wenn man weiß, wie diese Pressen gearbeitet haben, sieht man plötzlich Dinge, die einem vorher überhaupt nicht aufgefallen sind.“ Für die Stadt war schnell klar, dass sie den Richtigen gefunden hatte. „Er bringt nicht nur seine Erfahrung als Maschinenbauingenieur mit, sondern kennt auch die Geschichte des Zweibrücker Maschinenbaus und insbesondere die Dingler-Tradition“, lobt Emser. Dankbar zeigt sich die Stadt zudem für die Unterstützung durch Mitarbeitende von Tadano.
Für Meissner selbst hat die Rückkehr etwas Symbolisches. „Das Spannende ist, dass diese Presse nach beinahe 200 Jahren wieder hier ist“, sagt er. Gebaut in Zweibrücken, dort auch früher repariert, ist sie nun erneut in der Stadt – diesmal zur Aufarbeitung. „Irgendwie schließt sich damit ein Kreis.“

Foto: Julie Jager
Wie neu soll die Presse dabei ausdrücklich nicht wirken. Alte Reparaturen, Verschleißspuren und Veränderungen gehören zu ihrer Geschichte und bleiben erhalten. Es geht darum, die Konstruktion wieder nachvollziehbar zu machen, Fehlmontagen zu korrigieren und die historische Substanz zu bewahren. „Für uns ist wichtig, dass die Presse nach der Aufarbeitung weiterhin als historisches Original erkennbar bleibt“, unterstreicht Meissner. Zugleich soll sie ihrer ursprünglichen Bestimmung wieder näherkommen: Nach Abschluss der Arbeiten soll mit ihr tatsächlich ein Druck möglich sein.
„Wir freuen uns schon darauf, wenn die Wirth-Presse wieder in Homburg ist“, sagt Emser. „Sie erinnert uns daran, dass Freiheit, politische Teilhabe und die Möglichkeit, eigene Gedanken öffentlich zu verbreiten, keine Selbstverständlichkeiten sind.“ Gerade deshalb wolle man dieses Stück Geschichte bewahren und für kommende Generationen sichtbar machen.




















