Foto: Friedel Simon

Mit 22 Sketchen aus Vicco von Bülows „Dramatischen Werken“ hat das homburger amateur theater in diesem Jahr zwölf Vorstellungen bestritten – sieben im Frühjahr, fünf weitere zuletzt im Thomas-Morus-Haus in Homburg-Erbach. Kurz vor seinem 20-jährigen Bestehen zeigt der Verein, wie nah Amateure an Loriots Original herankommen können.

Kurz vor Vorstellungsbeginn mussten Helfer des homburger amateur theaters (h.a.t.) noch einmal ins Stuhllager: Mehr Besucher kamen an diesem Sonntag ins Thomas-Morus-Haus, als ursprünglich Plätze im großen Saal standen. Es war die zwölfte Vorstellung, die der Verein in diesem Jahr mit ein und demselben Programm bestritt und die letzte der fünf angekündigten August-Termine. Zwischen den nachgestellten Stühlen saß ein Publikum, das an diesem Abend selten aus dem Lachen herauskam und dem Ensemble am Ende mit reichlich Applaus dankte.

Getragen wird all das von einem Text, der zu den heikelsten der deutschen Bühnenliteratur zählt, gerade weil er so leicht wirkt. „Die Ente bleibt draußen“ versammelt 22 Sketche aus Vicco von Bülows „Dramatischen Werken“ – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Loriot -, inszeniert von Karl-Herbert Schäfer und Dieter Meier, die ihrem Ensemble damit einiges zugetraut haben: Zwölf Darsteller schlüpfen in insgesamt 81 Rollen, gut drei Stunden lang, begleitet von einer Musikauswahl, die bewusst in die Entstehungszeit der Sketche zurückführt.

„Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser hinaus“

Wer die Titel der einzelnen Szenen liest, kennt schon die halbe Vorstellung: die Ente, die Herr Müller-Lüdenscheidt partout mit in die Badewanne nehmen will, dazu die weiße Maus, die Liebe im Büro, die Eheberatung, die Jodelschule, die Opernkasse, der Lottogewinner und der Anstandsunterricht. Auf der Bühne wird sogar serviert, was Loriot nur beschrieben hat – Kosakenzipfel, Pökelzunge in Burgunder mit Klößen, die Kalbshaxe Florida -, während Sätze wie „Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser hinaus“ oder „Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl etwas nicht“ im Saal genauso zünden wie vor fünfzig Jahren im Fernsehen.

Diesen Ton überhaupt zu treffen, ist die eigentliche Leistung des Abends. Loriots Komik lebt nicht von Pointen, die man laut herausschreien kann, sondern von der Pause davor, vom leicht überzogenen Ernst, mit dem seine Figuren aneinander vorbeireden. Ein Amateurensemble, das diesen Ton trifft, spielt gegen ein Publikum an, das jede Betonung im Kopf schon mitspricht. Genau darin liegt Loriots eigentliches Thema: das alltägliche Missverständnis, aus dem sich zwei Menschen nicht mehr herausreden können, ohne dabei komisch zu wirken.

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Zwanzig Jahre „Homburg macht Theater“

Zutrauen wie dieses wächst nicht über Nacht. Das homburger amateur theater gründete sich am 2. August 2006 unter dem Motto „Homburg macht Theater!“ – aus einer kleinen Gruppe wurde seither ein Ensemble, das mittlerweile Besucherinnen und Besucher aus dem ganzen Saarland anzieht und neben Schauspiel auch Kabarett, Lesungen und Konzerte auf die Bühne bringt. Dass diese Entwicklung auch über die eigenen Reihen hinaus auffiel, zeigte sich 2017, als der Verein für seine Inszenierung von „Magnolien aus Stahl“ den Saarländischen Amateurtheaterpreis bekam. Nun steht das 20. Vereinsjahr an, und die Loriot-Produktion sorgt schon vorab dafür, dass daraus kein stilles Jubiläum wird: Sieben Vorstellungen – in Erbach und im Titania-Theater in Völklingen-Luisenthal – zogen im Frühjahr mehr als 1.000 Zuschauer an und waren restlos ausverkauft, ehe der Verein im August mit fünf weiteren Terminen im Thomas-Morus-Haus nachlegte.

Der Mann, der die Deutschen beim Aneinandervorbeireden ertappte

Vicco von Bülow kam 1923 in Brandenburg an der Havel zur Welt, aus einem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht – seinen Künstlernamen Loriot entlehnte er in den frühen 1950er-Jahren dem Wappentier seiner Familie, dem Pirol, der auf Französisch „loriot“ heißt. Bekannt wurde er zunächst als Cartoonist, zum festen Bestandteil der deutschen Fernsehkultur aber erst mit der sechsteiligen Fernsehserie, die Radio Bremen für die ARD produzierte und die zwischen 1976 und 1978 unter seinem Namen lief. Sätze und Szenen aus ihr – die Jodelschule, der Lottogewinner, das Ehepaar im Streit über ein schiefes Bild – gingen in den Jahrzehnten danach so selbstverständlich in den deutschen Sprachgebrauch über, dass viele sie zitieren, ohne noch an ihren Ursprung zu denken. Bis zu seinem Tod 2011 blieb er für viele der bedeutendste deutsche Humorist des vergangenen Jahrhunderts – sein Blick auf das deutsche Bildungsbürgertum war genau beobachtet, nie boshaft.

Deshalb steckt in diesem Kanon für jeden, der ihn spielt, auch ein kleines Wagnis: Wo Loriot hinschaute, wird jede kleine Ungenauigkeit sofort hörbar. Wie genau Schäfer, Meier und ihr Ensemble hingesehen haben, zeigt sich am Zuspruch. Sieben ausverkaufte Vorstellungen im Frühjahr, dazu eine Abschlussvorstellung im August, für die das Thomas-Morus-Haus noch zusätzliche Stühle brauchte. Die wurden nach dem letzten Applaus wieder zusammengeräumt. Ob sie im kommenden Jahr, zum 20. Geburtstag des Vereins, noch einmal gebraucht werden, ließ das h.a.t. offen

Alle Bilder (Foto: Friedel Simon):

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