Wer die Reserve der Bundeswehr auf ein neues Personalniveau heben will, kommt an einer konsequenten Digitalisierung nicht vorbei. Genau darauf pocht der Digitalverband Bitkom, während das Bundeskabinett an diesem Tag das sogenannte Reservestärkungsgesetz auf den Weg bringt. Der Verband hält den vorliegenden Entwurf für zu zaghaft und fordert, digitale Technologien wesentlich umfassender mitzudenken.
Hintergrund ist ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2033 soll die Reserve von derzeit rund 60.000 auf mindestens 200.000 Reservistinnen und Reservisten anwachsen. Doch die schiere Zahl allein reicht aus Sicht des Verbands nicht aus. „Mehr Personal allein macht noch keine einsatzbereite Reserve. Entscheidend ist, ob wir diese Reservistinnen und Reservisten im Ernstfall schnell erreichen und gleichermaßen effizient wie effektiv einsetzen können“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Die Digitalisierung müsse deshalb ebenso entschlossen vorangetrieben werden wie der personelle Aufbau selbst.
Das Problem liegt in überkommenen Strukturen. Viele Abläufe funktionieren bislang auf Papier oder nur teilweise digital, was nach Einschätzung des Verbands unnötig Zeit und Geld verschlingt. Abhilfe könnte eine App schaffen, für die Bitkom den Namen „Meine Reserve“ ins Spiel bringt. Darüber ließe sich hinterlegen, wann jemand verfügbar ist, und im Ernstfall würde die Benachrichtigung sofort und sicher erfolgen. So wäre auf einen Blick erkennbar, wer wann tatsächlich einsatzbereit ist.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die digitale Identität. Heute müssen Reservistinnen und Reservisten ihren Dienstausweis nach jedem Dienst wieder abgeben. Künftig, so der Vorschlag, sollte ein einziger, sicherer digitaler Zugang genügen, der nur für die Dauer des Einsatzes freigeschaltet wird. Wintergerst fordert dafür einen verbindlichen Fahrplan und klare Zuständigkeiten. Ein solches Zielbild fehle bislang. Analoge Verfahren sollten nur noch als Rückfallebene dienen, falls digitale Systeme einmal ausfallen.
Mit einer verbindlicheren Einberufung geraten auch die Arbeitgeber stärker ins Blickfeld. Laut einer Bitkom-Studie wissen bislang nur 20 Prozent der Unternehmen, wie viele ihrer Beschäftigten im Ernstfall für die Bundeswehr im Einsatz wären. Damit eine wachsende Reserve und der laufende Betrieb in den Firmen zusammenpassen, seien digital gestützte Verfahren nötig.
Die Digitalisierung eröffnet nach Einschätzung des Verbands zudem Chancen, die heute weitgehend ungenutzt bleiben. Zivile Fähigkeiten von Reservistinnen und Reservisten, etwa als IT-Sicherheitsfachkraft, in der Softwareentwicklung oder durch Fremdsprachenkenntnisse, ließen sich sichtbar machen und gezielt dort einsetzen, wo die Truppe sie tatsächlich braucht. Bislang bleiben solche Qualifikationen oft im Verborgenen, weil sie nur der früheren Einheit bekannt sind. Auch die Ausbildung könnte profitieren: Mit virtueller Realität, etwa per VR-Brille, ließe sich beispielsweise die Abwehr von Drohnen trainieren, selbst wenn Übungsplätze, Geräte oder Ausbilder gerade knapp oder weit entfernt sind. Seine ausführlichen Empfehlungen hat der Verband in einer Stellungnahme zur Strategie der Reserve zusammengefasst.


















