
Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit beim Einparken, ein leises Knirschen am Stoßfänger – und auf der Rechnung der Werkstatt stehen plötzlich mehrere tausend Euro. Was viele Autofahrer nur aus Erzählungen kennen, hat der ADAC jetzt systematisch überprüft. Eine aktuelle Markterhebung zeigt, wie teuer alltägliche Blechschäden an modernen Fahrzeugen inzwischen geworden sind – und wo die größten Preistreiber liegen.
Für die Untersuchung hat der Club 21 aktuelle Fahrzeugmodelle unter die Lupe genommen. Ein unabhängiger Sachverständiger kalkulierte mit einer gängigen Software die Kosten, die in einer Vertragswerkstatt des jeweiligen Herstellers anfallen würden. Betrachtet wurden drei typische Szenarien: ein Parkrempler vorne links, ein Schaden hinten rechts sowie der Austausch einer Windschutzscheibe nach einem Steinschlag. Die Ergebnisse fallen je nach Marke und Modell sehr unterschiedlich aus.
Besonders deutlich wird das beim Tausch der Frontscheibe. Was früher oft mit einigen hundert Euro erledigt war, landet heute fast durchweg im vierstelligen Bereich. Grund ist die Technik hinter der Scheibe: Kameras für Fernlichtautomatik und Spurhalteassistent müssen mit ausgebaut und anschließend neu kalibriert werden. Am teuersten ist laut ADAC-Erhebung der VW Golf mit über 2400 Euro brutto. Nur beim MG4 bleibt der Komplettpreis inklusive Kalibrierung unter 1000 Euro. Auffällig ist auch der Vergleich zwischen Suzuki Swace und Toyota Corolla. Beide Fahrzeuge sind baugleich und laufen in England sogar vom gleichen Band, trotzdem kostet die Windschutzscheibe beim Suzuki mehr als 200 Euro zusätzlich.
Noch drastischer werden die Unterschiede beim simulierten Parkrempler vorne links, bei dem Scheinwerfer und Stoßfänger ersetzt werden müssen. Hier treibt vor allem die Lichttechnik die Kosten nach oben. Beim Fiat 500 summiert sich die Reparatur auf knapp 3000 Euro. Beim BMW 330e dagegen klettern die Gesamtkosten auf fast 8000 Euro. Verantwortlich ist der dort verbaute, inzwischen nicht mehr angebotene Laser-Scheinwerfer, der rund 3300 Euro netto pro Stück kostet. Ein LED-Scheinwerfer würde nach ADAC-Angaben eine Ersparnis von etwa 1700 Euro bringen. Auch beim Volvo XC60 fallen die Kosten ins Auge: Trotz vergleichsweise günstiger Lackierarbeiten liegt die Rechnung bei knapp 6000 Euro.
Am Heck zeigt sich ein ähnliches Bild. Im Beispiel muss der Stoßfänger inklusive Sensoren ersetzt werden, was je nach Hersteller zu deutlichen Preisunterschieden führt. Überraschend günstig schneidet hier das Tesla Model Y ab. Der Hersteller verzichtet im Fahrzeugheck auf zusätzliche Sensoren und nutzt stattdessen die Daten der Kamera für die Assistenzsysteme. Dadurch liegen die Kosten für den Schaden bei „nur“ gut 2800 Euro. Deutlich teurer wird es erneut beim VW: Neben einem überdurchschnittlich hohen Arbeitslohn schlagen vor allem die Sensoren zu Buche. Für die Reparatur müssen zwei Steuergeräte getauscht werden, die jeweils 674 Euro netto kosten. Brisant ist, dass laut ADAC in dem simulierten Unfall nur eines der Steuergeräte beschädigt wurde. Dass trotzdem beide ersetzt werden, geht auf den Reparaturplan von VW zurück, da sich ein altes und ein neues Gerät offenbar nicht miteinander kombinieren lassen.
Ein weiterer Kostentreiber sind Vorgaben vieler Hersteller zu Stoßfängern. Häufig wird eine Reparatur untersagt, weil das notwendige Nachlackieren zu unterschiedlich dicken Lackschichten führen könne. Das wiederum könne die Funktion der Sensoren beeinträchtigen, so die Begründung. Kurios wirkt in diesem Zusammenhang, dass Ersatz-Stoßfänger ab Werk oft nur grundiert ausgeliefert werden und in der Werkstatt ohnehin noch in Wagenfarbe lackiert werden müssen. Aus Sicht des ADAC entsteht so der Eindruck, dass vermeidbare Reparaturen unterbleiben und dadurch unnötig hohe Kosten entstehen.
Aus der Markterhebung leitet der Club mehrere Forderungen an die Hersteller ab. Die verbauten Systeme müssten robuster, langlebiger und vor allem reparaturfreundlicher konstruiert werden. Bei einer beschädigten Scheinwerferabdeckung müsse es etwa möglich sein, nur diese zu ersetzen und nicht die komplette Lichteinheit für mehrere tausend Euro. Das sei nicht nur unnötig teuer, sondern auch nicht im Sinne der Nachhaltigkeit. Die hohen Reparaturkosten trügen zudem dazu bei, dass Versicherungsbeiträge weiter steigen.
Autofahrern rät der ADAC, nach einem Unfall mehrere Kostenvoranschläge einzuholen und die Angebote zu vergleichen. Ein wesentlicher Preistreiber seien meist die Stundenlöhne in den Werkstätten. Deshalb könne es sich lohnen, auch bei freien Betrieben nachzufragen. Die detaillierten Ergebnisse der Markterhebung mit allen erhobenen Reparaturkosten hat der Club online veröffentlicht.




















