Wer heute im Café oder Restaurant mit Karte zahlt, kennt die Situation: Auf dem Display des Kartenterminals erscheinen vorgeschlagene Trinkgeldbeträge – zehn, 15 oder gar 20 Prozent. Ein Fingertipp genügt, und der Aufschlag ist gebucht. Doch was auf den ersten Blick bequem wirkt, empfinden die meisten Deutschen offenbar als wenig hilfreich. Lediglich 29 Prozent halten die voreingestellten Trinkgeldoptionen für praktisch, wie eine aktuelle repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt.
Für die Erhebung befragte Bitkom Research zwischen Kalenderwoche neun und zwölf 2026 insgesamt 1.004 Personen ab 16 Jahren in Deutschland telefonisch. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Besonders skeptisch reagieren ältere Menschen. Unter den Über-65-Jährigen bewerten nur 22 Prozent die vorgeschlagenen Beträge als nützlich – deutlich weniger als im Gesamtdurchschnitt. Gleichzeitig räumen rund zwei Drittel aller Befragten ein, dass die angezeigten Summen dazu verleiten, mehr Trinkgeld zu geben als ursprünglich beabsichtigt.
Genau dieser Effekt ist kein Zufall, sondern folgt einer psychologischen Logik. „Voreingestellte Optionen machen aus einer offenen Entscheidung eine Auswahl mit Leitplanken. So wird die Entscheidung vereinfacht, gleichzeitig beeinflussen die Vorgaben damit oft die Höhe des Trinkgelds“, erklärte Alina Stephanie Bone-Winkel, Bereichsleiterin Digital Banking & Financial Services beim Bitkom. Sie betonte zudem, dass Transparenz und eine ausgewogene Auswahl entscheidend seien, „damit Kundinnen und Kunden sich nicht unter Druck gesetzt fühlen“. Dass dieses Druckgefühl real ist, legt ein weiteres Ergebnis nahe: 68 Prozent der Befragten halten es für unangemessen, wenn auf dem Terminal ausschließlich Trinkgeldoptionen ab zehn Prozent aufwärts erscheinen.
Bei der grundsätzlichen Frage, ob digitales Trinkgeld zum Standard werden sollte, zeigt sich Deutschland gespalten. Eine knappe Mehrheit von 55 Prozent befürwortet die Möglichkeit, Trinkgeld auch elektronisch zu geben. Unter den Über-65-Jährigen sinkt dieser Wert auf 51 Prozent. Die Zurückhaltung der älteren Generation hat vermutlich auch mit Vertrauen zu tun: Nur 52 Prozent aller Deutschen glauben, dass digital gezahltes Trinkgeld tatsächlich vollständig beim Servicepersonal ankommt.
Die Altersgruppen unterscheiden sich in dieser Frage erheblich. Jüngere zwischen 16 und 29 Jahren vertrauen mit 63 Prozent am stärksten darauf, dass das Geld bei den Beschäftigten landet. Deutlich misstrauischer sind die 50- bis 64-Jährigen mit 47 Prozent sowie die Generation 65 plus mit 48 Prozent. Ob das Trinkgeld tatsächlich eins zu eins weitergereicht wird, hängt in der Praxis von der jeweiligen Abrechnungssoftware und den internen Regelungen des Betriebs ab – ein Umstand, der für Gäste von außen kaum überprüfbar ist.
Die Umfrage verdeutlicht ein Spannungsfeld, das weit über die Gastronomie hinausreicht. Digitale Bezahlprozesse werden immer selbstverständlicher, doch die Akzeptanz einzelner Funktionen hinkt der technischen Verbreitung hinterher. Voreingestellte Trinkgeldbeträge mögen den Zahlvorgang beschleunigen – doch wenn sich Kundinnen und Kunden dabei manipuliert fühlen, droht das Gegenteil des gewünschten Effekts. Gastronomen und Terminalhersteller stehen vor der Aufgabe, die Funktion so zu gestalten, dass sie als Service wahrgenommen wird und nicht als subtiler Zwang.



















