Am Mittwoch, dem 15. April 2020, wäre der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 100 Jahre alt geworden, ein Mensch, der sicher zu Recht als Idealtypus eines Staatsoberhauptes angesehen wird. Der Saarpfalz-Kreis, unsere Region, steht übrigens in enger Verbindung zur Familie Weizsäcker: Die Vorfahren des einstigen Bundespräsidenten bewirtschafteten im 17. Jahrhundert die Woogsacker Mühle in Niederbexbach, jeder, der die Brücke zwischen Niederbexbach und Altstadt quert, fährt an dem alten Gehöft vorbei.

Die Rede, die von Weizsäcker am 8. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestags des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat, ist eine der Reden, die die Welt veränderten – oder zumindest verändern sollte. Von Weizsäcker wollte dieses Ziel erreichen, er wünschte es sich aus eigenen persönlichen Erfahrungen und aus tiefstem Herzen. Bundestagspräsident a.D. Norbert Lammert würdigte die Rede als ein „starkes Signal mit nachhaltiger Wirkung nach innen wie nach außen“.

Heute stellt sich die Frage, wie nachhaltig diese Rede wirklich war. Was ist davon angekommen, was ist haften geblieben? Dr. Theophil Gallo, Vorsitzender der Siebenpfeiffer-Stiftung und ebenso der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Saar, diskutiert und kommentiert dies aus Anlass des Jahrestages: „Richard von Weizsäcker hat mit dieser Rede Maßstäbe gesetzt. Die Rede ist ein gewaltiger Schritt der deutschen Vergangenheitsbewältigung, auch der Versöhnung. Sie ist Programm für alle Nachfolgegenerationen, die mit dem ‚Dritten Reich‘ und seiner Barbarei, mit den schrecklichen Auswirkungen und Folgen des Zweiten Weltkrieges, nichts mehr zu tun haben. Und sie ist Vermächtnis eines großen Deutschen an uns alle.“

Von Weizsäcker hat weitaus mehr gesagt als das, womit ihn Bundespräsident Steinmeier würdigt. Danach habe er „mit seiner Gabe zur Versöhnung“ und „zur Wahrhaftigkeit gegen Jedermann (…) unser Land zum Besseren verändert, nach innen wie nach außen“. Aber hat er das tatsächlich getan, ging von seiner Rede tatsächlich eine solche Wirkung aus? Ohne von Weizsäcker, einem großartigen Staatsmann und seiner fulminanten Rede auch nur ein Jota an Bedeutung nehmen zu wollen, bleibt bei kritischer Betrachtung nur das ernüchternde Fazit, dass diese Würdigung eher Wunschdenken ist als Wirklichkeit. Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir noch in erheblichem Umfang nacharbeiten müssen, um uns Weizsäckers Vision anzunähern. Eigentlich müssten wir sie vielleicht permanent, Tag für Tag, leben.

Keine Frage: Wenn eine Rede Beachtung verdient und heute mehr denn je aufmerksam gelesen und verstanden werden soll, dann diese. Dr. Gallo weiter: „Von Weizsäcker hat so viel Wahres und heute noch Wertvolles und Wichtiges angesprochen, dass seine Rede unverzichtbar in Lehrpläne, in den Schulunterricht, in die akademische wie in die öffentliche Diskussion gehört. Viele vergessen heute die Verantwortung, die mit zunehmendem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen vor dem 8. Mai 1945 mehr denn je an Bedeutung gewinnt. Weizsäcker hat am Ende seiner Ausführungen gesagt: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“ Und von Weizsäcker weiter: „Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden“. Auch dieser Satz hat heute, 35 Jahre nach seiner Rede, nichts an Richtigkeit und Relevanz verloren. Im Gegenteil. Dr. Gallo: „Ich kann jeden nur bitten, diese Rede aufmerksam zu lesen. Die Gedenkrede Richard von Weizsäckers ist ein Vermächtnis für uns alle.“

Richard von Weizsäcker war es, der eine völlig neue Perspektive auf den 8. Mai 1945 eröffnet hat. Bis dahin war das Datum eher nicht als „Tag der Befreiung“ empfunden worden, sondern – vor allem von Zeitzeugen – als Tag der Niederlage, der Schmach, des Untergangs, der Demütigung. Sich der Wahrheit zu stellen, fiel zu der Zeit den meisten Menschen schwer. Die aus der Leugnung und Verdrängung in der Folgezeit entstehenden gesellschaftlichen Konflikte prägten die Bundesrepublik Deutschland. Das ist die eine Seite von Weizsäckers Rede: Er hat Deutschland von diesem Trauma und der inneren Zerrissenheit befreit. Aber er hat die Menschen nicht von ihrer Verantwortung befreit, sondern ihnen fundamentale Aufträge mitgegeben. Von Weizsäcker entließ die Deutschen explizit nicht aus ihrer Verantwortung für das, was geschehen war. Vielmehr erwachse aus dem Wissen über die Geschehnisse der Vergangenheit die zwingende Verpflichtung, Verantwortung zu übernehmen.

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