Michael Eckardt verlässt die FDP: Das Homburger Stadtratsmitglied spricht über innerparteiliche Machtstrukturen, politische Doppelmoral — und warum er sein Mandat trotzdem behält. Der FDP-Ortsverband widerspricht seiner Darstellung in mehreren Punkten, auch aus dem Landesvorstand kommt eine Einordnung.
Ein Parteiaustritt ist selten nur ein einzelner Schritt. Meist steht dahinter eine längere Entwicklung, die irgendwann nicht mehr überbrückt werden kann. Im Fall von Michael Eckardt, bislang für die FDP im Homburger Stadtrat, ist genau das der Kern seiner Entscheidung. Im schriftlichen Interview spricht er von einer politischen und persönlichen Entfremdung, die sich über längere Zeit aufgebaut habe — und die er letztlich nicht mehr überbrücken konnte.
Den zentralen Grund sieht Eckardt weniger in programmatischen Differenzen als in konkreten personellen Entscheidungen: vor allem rund um den Landesparteitag im vergangenen Jahr sowie in den aktuellen Positionierungen des Landesvorstands zur bevorstehenden Landesvertreterversammlung. Nach seiner Darstellung habe sich innerhalb der FDP Saar seit Jahren ein kleiner Kreis herausgebildet, dessen Hauptinteresse im Erhalt eigener Macht- und Einflussstrukturen liege — geprägt, wie er betont, weitgehend von denselben Personen, die bereits die letzte Landtagswahl politisch zu verantworten hatten.
Bereits vor dem Parteitag im vergangenen Jahr sei aus seiner Sicht klar erkennbar gewesen, dass intern gezielt Mehrheiten organisiert worden seien, um bestimmte Kandidaturen frühzeitig aussichtslos erscheinen zu lassen. Als ein Kandidat schließlich wenige Stunden vor Beginn seine Kandidatur zurückzog und dem Parteitag ganz fernblieb, sieht Eckardt seine Einschätzung bestätigt.
Besonders stört ihn dabei, was er als politische Doppelmoral bezeichnet: „Vor einem Jahr hieß es noch, man wolle keine alten Kamellen zurück an die Spitze der Saar-FDP holen. Heute unterstützt derselbe Kreis wieder etablierte Personen aus früheren Machtstrukturen — allerdings nur solche, die die bestehenden Verhältnisse offensichtlich nicht gefährden.“ Entscheidend scheine längst nicht mehr politische Erneuerung oder Kompetenz zu sein, sondern die Frage, wer den bestehenden Zirkel unangetastet lasse.
Von der FDP Saar hätte er sich nach eigenen Worten echte innerparteiliche Demokratie, offene Debatten und den ehrlichen Willen zur Erneuerung gewünscht. Gerade nach der verlorenen Landtagswahl wäre Selbstkritik notwendig gewesen. Stattdessen habe sich bei ihm zunehmend der Eindruck verfestigt, dass kritische Stimmen bewusst klein gehalten würden — und dass Geschlossenheit und Loyalität gegenüber bestimmten Personen wichtiger geworden seien als Wettbewerb und inhaltliche Auseinandersetzung. „Genau das widerspricht für mich dem liberalen Grundgedanken fundamental“, sagt Eckardt.
Auch auf Landesebene wird Eckardts Kritik nicht in allen Punkten geteilt. Dr. Wolfgang Isringhaus, stellvertretender Landesvorsitzender der FDP Saar, sagte im Gespräch mit Homburg1, eine Listenaufstellung müsse vorbereitet werden. Dazu gehörten aus seiner Sicht auch Vorschläge im Vorfeld. Wenn ein Liberaler wegen Personaldiskussionen austrete, sei das bedauerlich. Isringhaus hätte sich nach eigener Aussage eher gewünscht, dass Kritik innerhalb der Partei eingebracht und ausgetragen werde, statt mit einem Austritt zu enden.
Als „Chefkritiker“ abgestempelt
Seinen eigenen Umgang mit dem Thema beschreibt Eckardt plastisch: Beim letzten Landesparteitag sei er vom damals noch amtierenden Landesvorsitzenden scherzhaft als „Homburger Chefkritiker“ begrüßt worden. Was möglicherweise humorvoll gemeint gewesen sei, beschreibe dennoch sehr treffend das Klima innerhalb der Partei: Wer kritisch gewesen sei, sei zunehmend auf diese Rolle reduziert und entsprechend behandelt worden.
Seine Kritik habe er zunächst intern angesprochen, bewusst nur im Ortsverband. Doch mit der Zeit sei bei ihm immer stärker der Eindruck entstanden, dass sachliche Kritik nicht mehr als normaler Bestandteil einer liberalen Partei verstanden werde. „Mein Austritt war deshalb keine spontane Entscheidung, sondern die Konsequenz aus einer länger andauernden politischen und persönlichen Entfremdung“, erklärt er.
Reaktionen: Mandatsfragen statt Menschlichkeit
Die Reaktionen nach seinem Austritt beschreibt Eckardt als gemischt — und in Teilen ernüchternd. Kritik und persönliche Vorwürfe seien nach seiner Darstellung im Wesentlichen vom Ortsverbandsvorsitzenden gekommen, unter anderem innerhalb einer internen WhatsApp-Gruppe, der Eckardt selbst nicht einmal angehört habe.
Besonders bezeichnend sei für ihn die erste Reaktion gewesen: die Frage, ob er nun auch sein Stadtratsmandat niederlege. Eckardt merkt dazu an, dass der Ortsverbandsvorsitzende direkter Nachrücker für dieses Mandat wäre. „Dadurch entstand bei mir sehr deutlich der Eindruck, dass weniger politische Inhalte oder menschliche Aspekte im Vordergrund standen, sondern parteiinterne Macht- und Mandatsfragen.“ Sein Austritt sei zudem als „Egotrip“ oder politischer Rechtsruck dargestellt worden — Vorwürfe, denen andere Mitglieder des Ortsverbands jedoch ausdrücklich widersprochen hätten. Nach jahrelanger gemeinsamer politischer Arbeit habe es kein einziges Wort des Dankes oder Bedauerns gegeben, sagt Eckardt — stattdessen persönliche Angriffe und den Versuch, seine Motive zu diskreditieren.
Der FDP-Ortsverband widerspricht dieser Darstellung. Mischa Dippelhofer, Ortsvorsitzender der FDP Homburg, erklärte auf Anfrage von Homburg1, er bedaure Eckardts Parteiaustritt und respektiere dessen Entscheidung. Zugleich weist er mehrere Vorwürfe zurück. Eckardt habe schon länger über einen Austritt nachgedacht und dies auch in einer Vorstandssitzung angesprochen. Dass im erweiterten Ortsvorstand über die Umstände seines Austritts diskutiert worden sei, hält Dippelhofer vor diesem Hintergrund für nachvollziehbar, zumal Eckardt bereits längere Zeit zuvor selbst aus der internen WhatsApp-Gruppe ausgetreten sei.
Auch die Kritik an der Mandatsfrage hält Dippelhofer für berechtigt. Eckardt sei nicht als Direktkandidat gewählt worden, sondern als Spitzenkandidat über die Liste der FDP in den Stadtrat eingezogen. Dem Eindruck, es sei ihm persönlich um das Mandat gegangen, widerspricht Dippelhofer. Er habe parteiintern signalisiert, im Fall eines Mandatsverzichts von Eckardt nicht darauf zu bestehen, selbst nachzurücken. „Dabei ging es mir allein um die Interessen der Partei, die nun ihre Vertretung im Stadtrat verliert, nicht um mich selbst“, erklärt Dippelhofer.
Das Mandat bleibt — die Partei nicht
Seinen Sitz im Homburger Stadtrat legt Eckardt nicht nieder. Er habe sein Mandat ohnehin immer als freies Mandat verstanden und sich in erster Linie an Sachfragen sowie am eigenen politischen Gewissen orientiert, nicht an parteipolitischen Vorgaben. Der Unterschied bestehe nun darin, dass auch die formalen Bindungen wegfallen: „Ich wurde von den Bürgern der Stadt Homburg gewählt und nicht von einem kleinen parteiinternen Zirkel. Genau diesem Anspruch möchte ich auch weiterhin verpflichtet bleiben.“
Dr. Wolfgang Isringhaus, stellvertretender Landesvorsitzender der FDP Saar, ordnet die Mandatsfrage im Gespräch mit Homburg1 nüchterner ein. Das Stadtratsmandat sei Eckardts Mandat und an seine Person gebunden. Dass er es nach dem Parteiaustritt behalte, könne man politisch kritisieren, zugleich sei ein solches Vorgehen in der politischen Praxis nicht ungewöhnlich. Außerdem verweist Isringhaus darauf, dass es sich bei einem Stadtratsmandat um ein Ehrenamt handelt.
Auch Eckardts Kritik an der Listenaufstellung und an personellen Vorentscheidungen bewertet Isringhaus zurückhaltender. Eine Listenaufstellung müsse vorbereitet werden, sagt er sinngemäß; dazu gehörten auch Vorschläge im Vorfeld. Dass ein Liberaler wegen Personaldiskussionen austrete, sei bedauerlich. Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen, die Kritik innerhalb der Partei einzubringen und auszutragen, statt den Weg des Austritts zu wählen.
Damit bleibt der Austritt auch innerhalb der FDP unterschiedlich bewertet. Während der Ortsverband vor allem die Mandatsfrage und den Umgang mit der Partei kritisiert, verweist die Landesebene stärker auf innerparteiliche Verfahren und die Möglichkeit, Kritik innerhalb der Partei auszutragen. Eckardt selbst sieht diesen Weg für sich dagegen ausgeschöpft.
Ein späteres parteipolitisches Engagement schließt Eckardt nicht grundsätzlich aus — verbindet diese Offenheit aber mit einer deutlichen Mahnung. Viele Bürger hätten heute das Gefühl, dass politische Richtungsentscheidungen zunehmend innerhalb geschlossener Strukturen getroffen würden, während offene Debatten und echte Erneuerung auf der Strecke blieben. „Genau dieses Gefühl einer zunehmenden Entkopplung zwischen politischer Führung und gesellschaftlicher Realität halte ich für hochgefährlich — gerade für das Vertrauen in die Demokratie insgesamt.“
Parteien, betont Eckardt abschließend, blieben wichtig für eine funktionierende Demokratie. Sie müssten aber wieder stärker zu Ehrlichkeit, offener Debattenkultur und inhaltlicher Glaubwürdigkeit zurückfinden. Und: Nach einer Wahl müsse noch gelten, was den Bürgern vor der Wahl versprochen wurde.

















