Symbolbild

Einsamkeit trifft ältere Menschen besonders, weil sie weniger soziale Kontakte haben oder sozial isoliert leben. Um sie zu unterstützen, hat Elke Schilling das Hilfetelefon Silbernetz in Berlin gegründet. Sie berichtet im Interview über ihre Arbeit, was sich aufgrund der Corona-Pandemie geändert hat und was ältere Menschen im Alltag bewegt.

Frau Schilling, wie sind Sie dazu gekommen, Silbernetz zu gründen?

Elke Schilling: Es gab eine ganze Reihe an Ereignissen, die mich umgetrieben haben, weshalb ich Silbernetz gründete. Zum einen waren es Erlebnisse im nachbarschaftlichen Umfeld. Vor einigen Jahren verstarb mein Nachbar einsam und allein in seiner Wohnung und keiner hatte es gemerkt. Ich habe damals nur mitbekommen, dass er sich zurückgezogen hatte, habe bei ihm geklingelt und Nachbarschaftshilfe angeboten, doch Kontakt- und Hilfsangebote lehnte er ab. Sein Tod hat mich damals sehr aufgerüttelt, denn einsam und unbemerkt sterben, das ist sehr traurig und muss nicht sein. Zum anderen war ich viele Jahre (2011-2018) Vorsitzende der Seniorenvertretung Berlin-Mitte. In dieser Tätigkeit habe ich mich mit Themen rund ums Alter beschäftigt. Dabei musste ich oft feststellen, dass man viele Menschen gar nicht erreicht, weil sie kein Internet haben, nicht mobil sind oder zurückgezogen und sozial isoliert leben. Sie sind sozusagen aus dem Netz gefallen. Mit Silbernetz möchte ich diese Lücken ein Stück weit schließen.

Wie kann Silbernetz konkret älteren Menschen helfen?

Elke Schilling: Silbernetz hilft Menschen ab 60 Jahren, die niemanden zum Reden haben und von Einsamkeit betroffen sind, mit einem dreistufigen Angebot:

  1. Silber-Telefon: Unsere Telefonhotline ist unsere Basis und täglich von 8 Uhr bis 22 Uhr unter 0800 4 70 80 90 erreichbar. Menschen ab 60 Jahren können sich bei uns melden, wir haben ein offenes Ohr zum „einfach-mal-Reden“.
  2. Silbernetz-Freunde: Dieses Angebot hilft vor allem älteren Menschen, die mehr Gesprächsbedarf haben. Ihnen vermitteln wir eine feste Ansprechperson, die dann regelmäßig einmal die Woche, für jeweils eine Stunde, dort anrufen. In dieser Regelmäßigkeit kann Vertrauen aufgebaut werden, Informationen, aber auch Motivation oder Antrieb vermittelt werden, um aus der Einsamkeit zu kommen. Unsere längste Silbernetz-Freundschaft läuft schon über zwei Jahre.
  3. Silberinfo: Silbernetz vermittelt zudem deutschlandweit Kontakte zu professioneller Hilfe, wie beispielsweise den Mobilitätshilfediensten. Für Berliner Anrufende haben wir außerdem auch Informationen zu Angeboten der Altenhilfe, ärztliche Betreuung oder betreutes Wohnen in der Nachbarschaft.

Was kann man gegen Einsamkeit im Alter tun?

Elke Schilling: Ältere Menschen können ganz unterschiedlich von Einsamkeit betroffen sein. Bei Anrufenden, die weit über 90 Jahre alt sind, nicht mehr mobil oder internetfähig sind, aber dennoch zu Hause allein und ohne Hilfe leben, kann die Nachbarschaft ein guter Kontakt für die betroffenen Menschen sein. Bei Jüngeren und solchen, die noch mobiler sind, geben wir Tipps, wie man aus der Einsamkeit herauskommt und ermutigen sie dazu, Dinge umzusetzen. Das kann beispielsweise der Besuch einer Begegnungsstätte um die Ecke oder auch Senioren-Angebote in ihrer nahen Umgebung sein.

Was hat sich in Zeiten der Corona-Pandemie an Ihrer Arbeit verändert?

Elke Schilling: Es hat sich insofern verändert, dass im Vergleich zum Vorjahr viele bis dahin aktive Menschen hinzugekommen sind, die durch Corona in die Isolation geraten sind. Und das hat viele Gründe: Kontaktbeschränkungen, ältere Menschen gehören zur Risikogruppe, deshalb muss entsprechende Distanz eingehalten werden oder Ängste vor den Menschen, die rücksichtslos auf der Straße oder in den Läden ohne Maske herumlaufen. Es sind Menschen, die vorher gut vernetzt und in Kontakt waren, aber jetzt seit Monaten ihre Verwandten und Freunde nicht sehen konnten. Teilweise sind Freunde oder Familienmitglieder in diesem Corona-Jahr verstorben, ohne dass man sich von ihnen verabschieden konnte. Manche haben ihre Enkelkinder auch noch nie gesehen, weil sie in dieser Zeit geboren sind.

Welche Themen werden besonders häufig angesprochen?

Elke Schilling: Grundsätzlich sind wir für die Anrufenden Gesprächspartner, wir können also gemeinsam über ein Problem reden. So heißt auch unser Slogan: „Einfach mal reden“ und das tun die Menschen auch. Oftmals geht es einfach mal ums Zuhören und Gehört werden. Alterssorgen, Depressionen und Ängste sind zudem Themen, die häufig angesprochen werden. Aber auch ganz aktuell Fragen in Bezug auf Corona insbesondere das Vorgehen zur Terminvergabe, oder wie man ins Impfzentrum kommt.

Was geben Sie den Menschen am Telefon mit?

Elke Schilling: Wir geben unsere Anteilnahme, geben den Menschen Feedback zu dem, was sie uns mitteilen und fragen auch konkret nach. Wir sind Gesprächspartner, mit denen man die unterschiedlichen Ansichten eines Problems und einer Frage besprechen kann. Je älter und immobiler ältere Menschen sind, desto schwieriger wird es für sie, selbst Wege aus ihrer Einsamkeit zu finden. In diesem Fall kann ich nur sagen: Rufen Sie bei uns an, reden Sie mit uns, das können Sie nämlich täglich.

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