Die deutsche Industrie kommt nicht aus der Krise – und der Bundesverband der Deutschen Industrie rechnet auch für 2026 nicht mehr mit einer Wende. Zum Auftakt der Hannover Messe senkte der BDI seine Prognose für die Industrieproduktion deutlich: Statt der erhofften Erholung erwartet der Verband bestenfalls eine Stagnation. Schlimmstenfalls droht das fünfte Jahr in Folge mit sinkender Produktion im Verarbeitenden Gewerbe. „Seit 2022 ist die Industrieproduktion in Deutschland jedes Jahr gesunken. Der Druck auf die Industrie besteht weiter – und wächst. Deutschland muss jetzt handeln“, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger am Montag in Hannover.
Der schwache Jahresstart und die geopolitischen Verwerfungen durch den Iran-Krieg haben den Verband zu dieser Korrektur bewogen. Die Krise im Iran treibt die Energiepreise nach oben, löst Preissteigerungen auf breiter Front als Zweitrundeneffekt aus und gefährdet Lieferketten und Logistik. Sollten die Störungen im internationalen Schiffsverkehr länger andauern, verschärft sich die Lage weiter. Schon jetzt liegt die Kapazitätsauslastung der Industrie bei lediglich rund 78 Prozent – ein Wert, der Stillstand signalisiert, während andere Volkswirtschaften zulegen. „Damit bewegen wir uns seitwärts, nicht aufwärts. Relativ fallen wir weiter zurück, denn andere Volkswirtschaften wachsen“, stellte Leibinger nüchtern fest.
Doch der BDI-Präsident macht unmissverständlich klar, dass die geopolitischen Krisen nicht die eigentliche Ursache der Misere sind – sie verschärfen lediglich ein Problem, das in Deutschland selbst entstanden ist. Die strukturellen Schwächen des Standorts seien gravierend und hausgemacht. „Die Kosten am Standort, ein Aggregat aus Lohnstückkosten, Lohnnebenkosten, Steuerlast, Bürokratielast und Energie, sind schlicht zu hoch. Wir sind als Standort nicht mehr wettbewerbsfähig“, warnte Leibinger. Die Diagnose fällt damit schonungslos aus: Deutschland hat ein Wettbewerbsproblem, das sich nicht mit Konjunkturprogrammen oder Einmalzahlungen beheben lässt.
Genau deshalb richtet der Verbandschef einen unmissverständlichen Appell an die Bundesregierung. Bis zum Sommer müsse ein Reformpaket stehen, das als Gesamtkonzept wirkt und echte Wachstumskräfte freisetzt. Was die Regierung bisher vorgelegt habe, sei „enttäuschend, mutlos und geht am Thema vorbei“ – im Wesentlichen eine Reaktion auf den Iran-Krieg, kein strategisches Konzept für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Leibinger warnte zugleich vor der Versuchung, den Schock mit Steuergeld abzufedern: „Der Staat kann Bürger und Unternehmen nicht gegen jede externe Krise versichern. Die einzige Versicherung ist eine wachstumsorientierte Politik, die Investitionen ermöglicht.“
Konkret fordert der BDI steuerliche Entlastungen, verlässliche Investitionsanreize und einen spürbaren Bürokratieabbau. Darüber hinaus brauche es einen handlungsfähigen Staat, der auf Vertrauen statt auf Überregulierung setzt. Verwaltungsverfahren müssten schneller, digitaler und praxisnäher werden. Als Beispiel nannte Leibinger das Prinzip „Law as Code“, bei dem Gesetze von Beginn an so formuliert werden, dass sie digital umsetzbar sind. „Vorschläge liegen auf dem Tisch. Das sind kostenlose Wachstumshebel“, betonte er.
Die Hannover Messe selbst liefert dabei den Gegenbeweis zur Krisenstimmung – zumindest auf technologischer Ebene. Von Automatisierung über Robotik bis hin zu angewandter Künstlicher Intelligenz zeigen deutsche Unternehmen, welches Innovationspotenzial nach wie vor vorhanden ist. Doch genau dieses Potenzial droht ungenutzt zu verpuffen, wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht grundlegend verändert werden. Die Botschaft des BDI ist eindeutig: Die Industrie kann liefern, aber nur, wenn die Politik endlich die Weichen stellt.




















