Ein Jahr nach dem Start der „Frankreichstrategie+“ zieht die saarländische Landesregierung eine erste Zwischenbilanz – und sieht den Kurs bestätigt. Vor der Landespressekonferenz am Dienstag, 20. Januar, erläuterte der Chef der Staatskanzlei und Europabevollmächtigte David Lindemann, wie sich die Neuausrichtung seit 2025 im Alltag der Großregion bemerkbar macht: von Kitas und Hochschulen über Energieprojekte bis hin zu Feuerwehr, Polizei und Gesundheitsversorgung.
Ausgangspunkt der aktuellen Politik ist die Evaluierung der ursprünglichen Frankreichstrategie durch eine externe Expertenkommission. Auf dieser Basis wurde vor einem Jahr die erweiterte „Frankreichstrategie+“ beschlossen. Sie weitet die Aktivitäten auf alle Politikfelder aus und richtet den Blick nicht nur auf Frankreich, sondern auf den gesamten französischsprachigen Raum. Die laufende Feuille de Route V umfasst die Jahre 2025 bis 2027, setzt erfolgreiche Maßnahmen fort und ergänzt sie um neue inhaltliche und geografische Schwerpunkte. Ein Kern bleibt der Ausbau des Fremdsprachenerwerbs, daneben rücken Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheit, Sicherheit und Verwaltung stärker in den Fokus.
Zur Motivation des Landes sagte Lindemann: „Frankreichpolitik ist für das Saarland keine Symbolpolitik. Von der engen Zusammenarbeit mit unseren französischen Nachbarn profitieren die Menschen dies- wie jenseits der Grenze spürbar: Wir bauen Hürden für Grenzgänger ab und verbessern die Sicherheit und Gesundheitsversorgung in unserer Region. Wir gehen aber auch Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam an. Grenzüberschreitende Energiepolitik und Forschung legen die Grundsteine für die Transformation des Wirtschaftsstandortes. Dank der erfolgreichen Umsetzung der Frankreichstrategie ist das Saarland seit Oktober 2024 Mitglied mit Beobachterstatus bei der Organisation internationale de la Francophonie (OIF), ein Status, der uns neue Türen in der frankophonen Welt öffnet, um zusätzliche strategische Partnerschaften zu schließen und das Saarland international als attraktiven Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Die Frankreichstrategie+ macht das Saarland zu einer Brücke nach Frankreich, Europa und in die Welt. Das Alleinstellungsmerkmal bildet einen entscheidenden Standortvorteil.“
Im Bildungsbereich verfolgt das Land weiter das Ziel, das Saarland zu einer mehrsprachigen Region mit deutsch-französischer Prägung zu entwickeln. Dafür werden zusätzliche Stellen für Erzieherinnen und Erzieher mit Französisch als Muttersprache gefördert, um das Angebot in Kitas auszubauen. Seit dem Schuljahr 2025/2026 ist die systematische Stärkung und der Ausbau des Französischunterrichts in der Gemeinschaftsschulverordnung verankert. Das EU-Programm Erasmus+ wurde auf allgemeinbildende Schulen ausgeweitet und soll im Laufe des Jahres auch die Startchancen-Schulen einbeziehen. Zudem wird die Kooperation zwischen dem Ministerium für Bildung und Kultur und der Académie de Montpellier noch im Januar auf alle Schulformen erweitert.
Auch an den Hochschulen zeigt sich die neue Ausrichtung. Am 3. Oktober 2025 erhielt der französische Staatspräsident Emmanuel Macron die Ehrendoktorwürde der Universität des Saarlandes (UdS). Mit der Ansiedlung der offiziellen Repräsentationsstelle „Cellule francophone“ der Agence Universitaire de la Francophonie (AUF) an der UdS soll die wissenschaftliche Frankophonie in Deutschland sichtbarer werden. UdS und htw saar haben außerdem die Informationsplattform „Study in Saarland“ für internationale Studierende gestartet; 2026 ist eine französischsprachige Version geplant, die in frankophonen Ländern vorgestellt werden soll. Ebenfalls 2026 soll in der Landesverwaltung ein Weiterbildungszertifikat „Frankreichkompetenz“ starten. Die interdisziplinäre Vortragsreihe „Deutsch-Französischer Diskurs“ und die „Rentrée francophone“ werden im Wintersemester fortgeführt.
Im Bereich Wirtschaft rückt die Start-up-Förderung in den Vordergrund. Das Projekt „Southwest X – The Bridge to Innovation“, ein überregionales Konsortium unter Federführung der Universität des Saarlandes, gehört zu den Gewinnern des bundesweiten Leuchtturmwettbewerbs „Startup Factories“ und erhält bis zu 10 Mio. Euro Bundesförderung. Das Wirtschaftsministerium will im Juni 2026 gemeinsam mit Southwest X am 10-jährigen Jubiläum der Startup-Messe Vivatechnology in Paris teilnehmen. Ein eigener Stand im German Park des Bundes soll die Sichtbarkeit des saarländischen Start-up-Ökosystems auf internationaler Ebene erhöhen.
Beim Thema Energie arbeitet das Saarland eng mit der benachbarten Région Grand Est zusammen, insbesondere beim grünen Wasserstoff. Im Projekt mosaHYc haben die SHS-Stahl-Holding-Saar und das französische Energieunternehmen Verso Energy im September 2025 einen ersten Wasserstoffliefervertrag für das Projekt „Power4Steel“ der SHS unterzeichnet. Ab 2028 soll grüner Wasserstoff aus Lothringen ins Saarland transportiert werden.
In der Verwaltung wird die Frankreichkompetenz durch ein Austauschabkommen mit der Präfektur Moselle gestärkt. 2025 fanden sechs Kurzhospitationen von Beschäftigten der Landesverwaltung in der Präfektur statt, dazu je eine mehrwöchige Hospitation beim französischen Senat und bei der Präfektur. Umgekehrt absolvierte ein Mitarbeiter des Senats eine mehrwöchige Hospitation in der Staatskanzlei. Das Programm wird fortgeführt.
Im Gesundheitsbereich hat das saarländische Gesundheitsministerium als federführender Partner einen Interreg-Antrag für das Projekt MOSAICS gestellt, das den Zugang zu Gesundheitsleistungen im Saarland und im Département Moselle erleichtern soll. 80 Prozent der Projektkosten werden aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert, was rund 1,3 Mio. Euro entspricht. Das Saarland beteiligt sich mit etwa 220.000 Euro. Zudem soll das seit 2019 bestehende grenzüberschreitende Kooperationsabkommen MOSAR zwischen Gesundheitseinrichtungen in Moselle und im Saarland um ein Zusatzabkommen zur Schlaganfallversorgung erweitert werden. Französischsprachkurse für Gesundheitsberufe in Zusammenarbeit mit der UdS und der VHS laufen weiter.
Auch im Bereich Inneres wurde die Zusammenarbeit vertieft. 2025 wurde ein Abkommen über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Feuerwehren zwischen dem Département Moselle und dem Saarland geschlossen. Erste gemeinsame Übungen haben bereits stattgefunden, weitere sind geplant. Grenzüberschreitende Hilfeleistungsangebote bei Schadensfällen wurden ausgebaut. Die „Otzenhausener Gespräche“ zur Gefahrenabwehr zwischen dem Saarland und Moselle wurden fortgeführt; seit 2025 ist auch Luxemburg beteiligt, 2026 sollen die Zollbehörden hinzukommen. Die polizeiliche Zusammenarbeit zeigte sich beim Großeinsatz zum Tag der Deutschen Einheit: Über 30 Kolleginnen und Kollegen aus französischen Dienststellen der Police Nationale und der Gendarmerie Nationale unterstützten die saarländische Polizei bei der Bestreifung der Festmeile und stellten Diensthunde und Diensthundeführer. Bei den „Special Olympics“ 2026 sind erneut gemeinsame saarländisch-französische Streifen vorgesehen.
Der Arbeitsmarkt der Großregion mit fast 300.000 Grenzpendlern gilt als größter grenzüberschreitender Arbeitsmarkt in der EU. Die Task Force Grenzgänger identifiziert Hürden für Pendlerinnen und Pendler und entwickelt juristische und administrative Lösungen. Die Partnerschaftsvereinbarung zur Fortführung der Task Force wurde 2025 um drei Jahre verlängert. Für 2026 ist ein politisches Treffen zwischen Grand Est und dem Saarland zum Thema „Grenzüberschreitender Arbeitsmarkt“ geplant.
Im Kulturbereich wurde die Zusammenarbeit zwischen dem Département Moselle und dem Saarland über Künstlerresidenzen und gemeinsame Ausstellungen verstetigt. Ein Beispiel ist die 3. Auflage des Fotoprojekts „Ligne claire – die helle Linie“ mit einer Künstlerresidenz von Boris Becker. Das Projekt soll jährlich eine fotografische Arbeit mit wechselnden Schwerpunkten über das Saarland und das Département Moselle ermöglichen. 2026 sollen grenzüberschreitende Museumskooperationen ausgebaut werden, indem saarländische Einrichtungen in den Verein Museums-PASS-Musées aufgenommen werden, um künstlerischen Austausch und Vernetzung zu fördern.
Beim Verbraucherschutz ist das Saarland 2025 dem Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz (ZEV) in Kehl beigetreten. Landesweit wurde über das Angebot rechtlicher Beratung bei grenzüberschreitenden und europaweiten Problemstellungen informiert. Für 2026 ist im Saarland eine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung gemeinsam mit dem ZEV zu einem Schwerpunktthema vorgesehen.
Auch Verkehr und Handel profitieren von der engeren Abstimmung. Seit dem 1. Juli 2025 sind die Schifffahrtsgebühren abgeschafft. Der Ausbau der Moselschleusen läuft nach dem Zeitplan des zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtamtes Mosel-Saar-Lahn. Für Unternehmen in der Großregion, die auf diesen Wasserweg angewiesen sind, bedeutet das eine spürbare Entlastung.
Weitere Informationen zur Frankreichstrategie+ stellt das Land online unter www.saarland.de/frankreichstrategie bereit.




















