Sechs von zehn deutschen Industrieunternehmen messen digitalen Zwillingen eine große Bedeutung für ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit bei – doch auf dem Weg dorthin fehlt es an den entscheidenden Grundlagen. Laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage unter 555 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes beklagen 57 Prozent der Befragten einen Mangel an den notwendigen Daten, und fast die Hälfte sieht in einer unzureichenden IT-Infrastruktur den Hauptgrund dafür, dass entsprechende Projekte scheitern.
Digitale Zwillinge – also virtuelle Abbilder von Maschinen, Anlagen oder ganzen Fabriken – gelten als Schlüsseltechnologie der modernen Produktion. Sie ermöglichen es, Abläufe in Echtzeit zu simulieren, zu überwachen und zu optimieren. Voraussetzung dafür sind allerdings große Mengen an Echtzeitdaten und eine leistungsfähige technische Basis. Genau hier klaffen in der deutschen Industrie offenbar erhebliche Lücken, wie die anlässlich der Hannover Messe erhobenen Zahlen zeigen.
Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert ordnete die Ergebnisse deutlich ein: „Digitale Zwillinge haben herausragende Bedeutung für die Zukunft der deutschen Industrie.“ Die Technologie brauche vor allem eines, nämlich Daten. Alle Industrieunternehmen sollten sich intensiv mit der Thematik befassen und die Erkenntnisse bestehender Initiativen im eigenen Betrieb und in ihren Produkten anwenden. „Wichtig ist auch, die Daten nicht nur selbst zu nutzen, sondern die Offenheit, diese auch mit anderen sinnvoll zu teilen“, betonte Rückert.
Die Selbsteinschätzung der Branche fällt dabei ernüchternd aus. Lediglich 23 Prozent der befragten Unternehmen sehen sich beim Thema digitale Zwillinge in einer Vorreiterrolle, wobei sich gerade einmal drei Prozent an der Spitze verorten. Die große Mehrheit von 60 Prozent stuft sich hingegen als Nachzügler ein, und 14 Prozent gehen sogar davon aus, den Anschluss bereits verpasst zu haben. Zwischen dem Bewusstsein für die strategische Relevanz und der tatsächlichen Umsetzung klafft also eine beträchtliche Lücke.
Dabei erkennt die Industrie durchaus das breite Potenzial der Technologie. Fast acht von zehn Unternehmen sind überzeugt, dass digitale Zwillinge eine vorausschauende Wartung ermöglichen und ungeplante Ausfälle vermeiden können. 58 Prozent erwarten effizientere Produktionsprozesse, und ebenso viele sehen darin die Chance, völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Auch der Nachhaltigkeitsaspekt spielt eine gewichtige Rolle: Zwei Drittel der Befragten halten es für möglich, mithilfe digitaler Zwillinge Emissionen zu senken.
Die konkreten Zahlen zur Wettbewerbsrelevanz unterstreichen diesen Befund. 62 Prozent der Industrieunternehmen schreiben digitalen Zwillingen eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit zu, davon 27 Prozent eine sehr große und 35 Prozent eine eher große. Etwas mehr als ein Drittel schätzt die Relevanz dagegen als gering ein. Die Ergebnisse basieren auf einer telefonischen Befragung von Bitkom Research unter Unternehmen ab 100 Beschäftigten, die zwischen der sechsten und elften Kalenderwoche 2026 durchgeführt wurde.
Rückert richtete abschließend einen klaren Appell an die Politik: „Auch die Politik ist gefordert, Unternehmen gezielt zu unterstützen – etwa durch niedrigschwellige KI-Förderprogramme für den Mittelstand.“ Denn ohne gezielte Impulse droht die Kluft zwischen Erkenntnis und Umsetzung in der deutschen Industrie weiter zu wachsen – mit Folgen für die internationale Konkurrenzfähigkeit.























