Jeder vierte Nutzer von KI-Chatbots empfindet die Technologie mittlerweile als eine Art digitale Bezugsperson. Elf Prozent der Männer in Deutschland können sich sogar vorstellen, dass Künstliche Intelligenz reale Liebe ersetzen könnte. Was nach Science-Fiction klingt, ist längst messbare Realität – das zeigt eine repräsentative Studie des Digitalverbands Bitkom, für die rund 1.450 Internetnutzerinnen und -nutzer ab 16 Jahren befragt wurden, darunter 1.004 Personen, die KI-Anwendungen aktiv einsetzen.
Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das weit über den Werkzeugcharakter von ChatGPT, Gemini oder Claude hinausgeht. 26 Prozent der KI-Nutzer geben an, den Chatbot manchmal wie eine digitale Bezugsperson wahrzunehmen. Bei den unter 30-Jährigen steigt dieser Wert auf 32 Prozent. Elf Prozent berichten von emotionaler Verbundenheit zur KI, 20 Prozent sagen, es gebe Dinge, die sie nur der KI anvertrauen – keinem Menschen. In der jüngsten Altersgruppe teilt sogar fast jeder Dritte diese Haltung. „KI erreicht Bereiche, in denen es um Nähe, Vertrauen und echte Verbindungen geht“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Er wirft Fragen auf, die weit über Technologie hinausreichen: „Wo bietet KI eine sinnvolle Unterstützung und wo ersetzt sie den wünschenswerten zwischenmenschlichen Austausch?“
Schon heute fungiert KI für viele als eine Art Beziehungscoach. Fast jeder fünfte Nutzer hat Chatbots bereits eingesetzt, um Konflikte in Partnerschaft, Familie oder Freundschaft zu bewältigen – sei es beim Formulieren heikler Nachrichten, beim Sortieren von Streit oder bei Fragen rund um Eifersucht und Trennung. Der Generationenunterschied ist dabei enorm: 37 Prozent der unter 30-Jährigen greifen bei Beziehungsfragen zur KI, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es 31 Prozent. Ab 40 sinkt die Nutzung auf 17 Prozent, bei den über 50-Jährigen auf gerade einmal fünf Prozent. Wer die KI in solchen Situationen einsetzt, bewertet die Erfahrung überwiegend positiv: Rund drei Viertel geben an, die KI habe ihnen tatsächlich geholfen. Darüber hinaus nutzen 32 Prozent der KI-Anwender die Technologie für Persönlichkeitsthemen im Beruf, 20 Prozent tauschen sich mit dem Chatbot über mentale Gesundheit aus, und 16 Prozent verwenden ihn zur Selbstreflexion, etwa als eine Art digitales Tagebuch.
Gleichzeitig offenbart die Studie eine ausgeprägte Ambivalenz. 61 Prozent der Befragten empfinden es als befremdlich, wenn jemand mithilfe von KI mit ihnen kommuniziert. 40 Prozent meinen, erkennen zu können, wenn eine Antwort KI-gestützt formuliert wurde. Dem stehen konkrete Vorteile gegenüber: Jedem vierten Nutzer hilft KI dabei, in Konflikten klarer zu kommunizieren, 17 Prozent verlassen sich bei belastenden Gesprächen zunehmend auf die Unterstützung durch KI, und 15 Prozent berichten, ein Chatbot habe ihnen schon einmal geholfen, einen akuten Streit beizulegen. Rohleder bringt das Spannungsfeld auf den Punkt: „KI kann Streit entschärfen. Wenn sie im direkten Austausch mitsprechen soll, wird aber schnell spürbar, wie sensibel das für manche ist und Fragen von Echtheit, Nähe und Vertrauen berührt werden.“
Die nächste Stufe dieser Entwicklung sind sogenannte KI-Avatare oder AI-Companions – digitale Begleiter in speziellen Apps, bei denen Nutzer sich eine virtuelle Freundin, einen Freund oder eine Partnerin erstellen und mit dieser Figur chatten und eine Beziehung aufbauen können. 18 Prozent der Befragten können sich vorstellen, einen solchen Avatar zu nutzen, Männer mit 23 Prozent deutlich häufiger als Frauen mit 13 Prozent. Fünf Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen geben an, bereits einen KI-Avatar zu besitzen. Die Geschlechterunterschiede ziehen sich durch sämtliche Einstellungsfragen: 77 Prozent der Frauen halten es für problematisch, wenn KI zu stark in Liebesbeziehungen vordringt, bei Männern sind es 69 Prozent. Umgekehrt zeigen sich 26 Prozent der Männer neugierig auf die Zukunft romantischer KI-Beziehungen, bei Frauen nur 17 Prozent. Elf Prozent der Männer können sich vorstellen, dass KI reale romantische oder sexuelle Beziehungen ersetzen könnte – bei Frauen liegt dieser Wert bei vier Prozent.
Rohleder ordnet diese Zahlen mit Blick auf den internationalen Markt ein: „KI-Avatare sind kein theoretisches Zukunftsthema mehr: In den USA und besonders in Teilen Asiens werden solche Companion-Apps heute schon in großer Breite genutzt und als eigenes Geschäftsmodell vermarktet.“ Hunderte Millionen Menschen weltweit griffen bereits auf solche Anwendungen zurück. In Deutschland stehe die Entwicklung noch am Anfang, löse aber bereits sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Es sei jedoch davon auszugehen, dass der Trend auch hierzulande vom Nischen- zum Massenphänomen werde.
Insgesamt überwiegt die Skepsis: Zwei Drittel der Befragten sehen KI eher als Risiko für Beziehungen und Freundschaften, nur 22 Prozent erkennen darin eine Chance. Zugleich rechnet eine knappe Mehrheit von 54 Prozent damit, dass KI menschliche Beziehungen in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern wird – unter den Jüngeren erwarten das sogar 63 Prozent. 14 Prozent der KI-Nutzer machen sich bereits Sorgen, emotional abhängig von der Technologie zu werden. Und 38 Prozent geben an, sich von der KI häufig gut verstanden zu fühlen, bei den unter 30-Jährigen ist es jeder Zweite. Rohleder fasst die gesellschaftliche Dimension zusammen: „Was bedeutet Nähe, wenn sie jederzeit auf Knopfdruck verfügbar ist? Wie viel emotionale Bindung zu Maschinen wollen wir zulassen? Und woran erkennen wir künftig noch, ob ein Gegenüber wirklich ein Mensch ist?“





















