Wie hat sich Diplomatie über die Jahrzehnte verändert? Wo wird die Entwicklung hingehen?
Heusgen: Diplomatie ist schneller geworden. Alleine der Wandel der Kommunikationstechnologie über diesen Zeitraum hat die Diplomatie rasant fortentwickelt.
Und Diplomatie ist – glücklicherweise – etwas weiblicher geworden. Damit meine ich: Wir müssen dahinkommen, dass wir das Potenzial von Männern und Frauen gleichermaßen nutzen und fördern, auf allen Ebenen, gerade auch in Führungspositionen. Erste Schritte sind unternommen, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.
Falschinformationen und Desinformation waren schon immer im Umlauf. Wie blicken Sie als Diplomat mit langjähriger Erfahrung auf die aktuelle Situation? Gibt es eine neue Qualität?
Heusgen: Sie sagen es: Desinformation und den Versuch, solche zu streuen gab es schon immer. Was neu ist: Die Wege und Möglichkeiten, diese zu verbreiten, haben sich durch soziale Medien stark verändert und diversifiziert. Das macht es nicht leichter, diesen zu begegnen. Es gibt aber glücklicherweise genauso intensive Bestrebungen, genau hier anzusetzen. Erst kürzlich haben die Vereinten Nationen eine Kampagne mit dem Titel „verified“ ins Leben gerufen. Gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie ist es zentral, den Menschen klare, verlässliche, vertrauenswürdige Informationsquellen aufzuzeigen.
Ich möchte ein weiteres Beispiel nennen: Insbesondere Russland und China streuen regelmäßig die Fehlinformation, dass Sanktionen beispielsweise der EU, aber auch des Sicherheitsrats (mit)ursächlich für humanitäre Notlagen weltweit seien. Das kann man so nicht unkommentiert und vor allem nicht unkorrigiert stehen lassen. Deutschland ist weltweit zweitgrößter Geber humanitärer Hilfe. Sanktionen der EU sind zielgerichtet, beispielsweise ganz spezifisch gegen Individuen des Assad-Regimes in Syrien gerichtet, die Tod und Leid von Tausenden von Menschen verantworten. Humanitäre Güter sind von EU-Sanktionen ausgenommen. Wir setzen alles daran, die Menschen vor Ort zu erreichen. Die EU hat hierzu beispielsweise kürzlich eine Aufklärungskampagne in mehreren Sprachen, auch auf Russisch, gestartet. Das halte ich für immens wichtig.
Haben Sie für nachkommende Diplomaten jetzt schon einen Verhandlungstipp, den Sie ihnen mit auf den Weg geben möchten?
Heusgen: Zuhören, nie den Gesprächsfaden abreißen lassen. Klare Positionen beziehen und für diese werben, dafür auch klare Worte finden. Und vor allem: immer neugierig und aufgeschlossen bleiben.






