Nicht die Idee der Inklusion ist gescheitert, sondern ihre Umsetzung im Saarland – so lautet der zentrale Vorwurf, den die CDU-Landtagsfraktion nun mit einem umfangreichen Zahlenwerk untermauert. Seit Jahren, kritisiert die Fraktion, sei die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Förderbedarf ausgeweitet worden, ohne dass parallel genug Personal, Fachwissen und verlässliche Strukturen aufgebaut wurden. Das Ergebnis: eine Inklusion, die vielerorts nur noch auf dem Papier existiert.
Besonders deutlich wird die Schieflage bei einem Blick auf die verfügbaren Förderstunden. Rechnerisch bleiben einer Grundschulklasse im Durchschnitt gerade einmal 2,33 Stunden pro Woche durch eine Förderschullehrkraft, einer Gemeinschaftsschulklasse 2,88 Stunden. Sind mehrere Kinder mit Unterstützungsbedarf in einer Klasse, müssen sie sich diese knappe Zeit teilen. Hinzu kommt, dass dieses Budget nicht allein der direkten Förderung dient, sondern auch für Beratung, Diagnostik, Förderpläne und teilweise Vertretungsunterricht herhalten muss.

Die entscheidende Frage bleibt aus Sicht der Fraktion damit unbeantwortet: Wie viel sonderpädagogische Unterstützung kommt tatsächlich beim einzelnen Kind an? Verbindliche Mindeststandards für die personelle Ausstattung inklusiver Schulen fehlen bis heute – weder ein Gesetz noch eine Rechtsverordnung legt fest, wie viele zusätzliche Fachkräfte eine Schule mindestens braucht. Die CDU hält diese Praxis für nicht vereinbar mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wonach grundlegende Fragen des Bildungsanspruchs gesetzlich geregelt sein müssen.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Datenlage. Seit dem Schuljahr 2014/15 wird der sonderpädagogische Förderbedarf bei inklusiv unterrichteten Kindern nicht mehr verbindlich festgestellt. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ist das Saarland damit bundesweit ein Sonderfall. Über 100 parlamentarische Anfragen habe die Fraktion stellen müssen, um überhaupt zentrale Informationen zusammenzutragen – und noch immer seien nicht alle Fragen beantwortet. „Das ist kein Fortschritt, sondern politisch bequemes Nichtwissen“, heißt es in dem Papier.
Auffällig ist auch die hohe Zahl an Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern. Im Schuljahr 2025/26 waren 2.128 von ihnen an saarländischen Schulen tätig, gegenüber rund 9.500 Lehrkräften insgesamt. Ihre Arbeit sei wichtig, betont die Fraktion, doch sie ersetze keine sonderpädagogische Förderung. Die Sorge: Schulbegleitung dürfe nicht dazu dienen, strukturelle Lücken bei der Personalausstattung zu kaschieren.
Unter Druck geraten zugleich die Förderschulen. Ihre Schülerzahl stieg seit 2014/15 um 18,6 Prozent, im laufenden Schuljahr besuchen 4.101 Kinder eine solche Einrichtung. Gleichzeitig wurden nach Angaben der Fraktion rund 285 Lehrkräfte aus dem Förderschulbereich für die inklusive Beschulung abgezogen. Mehr Kinder mit zunehmend komplexen Bedarfen treffen so auf weniger Fachpersonal. An 15 von 39 Förderschulen fehlt Schulraum, mindestens 27 Klassen werden in Containern oder ausgelagerten Standorten unterrichtet.
Als Antwort legt die CDU-Landtagsfraktion einen Fünf-Punkte-Plan vor. Er sieht unter anderem vor, den Förderbedarf wieder verbindlich festzustellen, zusätzliche Fachkräfte einzustellen, einen eigenen Studiengang für Sonderpädagogik im Saarland aufzubauen und die Förderschulen durch einen landesweiten Schulentwicklungsplan langfristig zu sichern. Auch der Übergang von der Kita in die Grundschule soll durch frühere Diagnostik und Förderung verbessert werden.
Die politische Verantwortung sieht die Fraktion bei den SPD-geführten Bildungsministerien, die seit 2012 im Amt seien. Versprochen worden seien mehr Personal, multiprofessionelle Teams und Doppelbesetzungen – eingelöst worden sei davon wenig. Ihr Leitgedanke für einen Neustart: „So viel gemeinsame Beschulung wie möglich – so viel spezialisierte Förderung wie nötig.“ Nicht der Name des Lernortes entscheide über gelungene Inklusion, sondern die Qualität der Förderung.





















