Alice Schwarzer gehört zu den Persönlichkeiten, bei denen man selten mit allem einverstanden sein dürfte, was sie sagen. Und sie ist es gewohnt, dass ihre Positionen Widerspruch auslösen. Bei der HomBuch 26 in Homburg zeigte die Journalistin und Frauenrechtlerin am Freitagabend einmal mehr, dass sich Ernsthaftigkeit und Humor dabei keineswegs ausschließen müssen. Im ausverkauften Siebenpfeifferhaus sprach sie über Feminismus, gesellschaftliche Veränderungen und umstrittene Fragen der Gegenwart. Doch der Abend hatte noch eine zweite, besondere Bedeutung: Schwarzer wurde mit dem Deutsch-Französischen Freundschaftspreis ausgezeichnet – eine Ehrung, die angesichts ihrer persönlichen Geschichte und der aktuellen Herausforderungen für Europa kaum passender hätte sein können.

Die HomBuch hatte mit Alice Schwarzer einen Gast eingeladen, der die gesellschaftlichen Debatten in Deutschland seit Jahrzehnten mitprägt. Die Gründerin und Chefredakteurin der Frauenzeitschrift EMMA, Autorin von mehr als 40 Büchern und eine der bekanntesten Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung ist inzwischen 83 Jahre alt. An Klarheit in ihren Positionen hat sie nichts verloren. Gleichzeitig bewies sie auf der Bühne, dass sie durchaus über sich selbst lachen kann. Diese Mischung aus Schlagfertigkeit, Überzeugung und gelegentlicher Selbstironie prägte einen Abend, der weit mehr war als die Vorstellung ihres aktuellen Buches.

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Zunächst stand allerdings die deutsch-französische Freundschaft im Mittelpunkt. Nach der musikalischen Begrüßung am Akkordeon durch Nicole Havener und den einführenden Worten von Moderator Michael Thieser übernahm Dr. Deniz Alkan die Laudatio. Der Abteilungsleiter für Europa und Deutsch-Französische Zusammenarbeit in der saarländischen Staatskanzlei vertrat dabei Ministerpräsidentin Anke Rehlinger. Alkan würdigte Schwarzer als eine Persönlichkeit, deren gesellschaftliches und publizistisches Wirken ohne Frankreich kaum denkbar wäre.

Für das Saarland habe diese Verbindung eine besondere Bedeutung. Die Region verstehe sich als europäische Brücke, in der deutsch-französische Zusammenarbeit nicht allein eine politische Absichtserklärung, sondern gelebter Alltag sei. Die HomBuch mit ihrem kulturellen Dreiklang aus Literatur, Kunst und Musik passe deshalb besonders gut zu einer Auszeichnung, die Menschen ehre, die über nationale Grenzen hinweg Verständigung ermöglichten.

Bei Alice Schwarzer reicht diese Verbindung weit zurück. Bereits Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre lebte und arbeitete sie als Korrespondentin in Paris. Dort wurde sie Teil der französischen Frauenbewegung und lernte unter anderem Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre persönlich kennen. Frankreich wurde für sie zu einer zweiten Heimat – und zugleich zu einem Ausgangspunkt ihres gesellschaftspolitischen Engagements in Deutschland.

Alkan erinnerte in seiner Laudatio an einen der wichtigsten Momente der deutschen Frauenbewegung: die Selbstbezichtigung von 374 Frauen im Jahr 1971, die öffentlich erklärten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben. Die Aktion, die Alice Schwarzer organisierte und die mit einer spektakulären Titelseite des Magazins Stern verbunden war, hatte ein unmittelbares französisches Vorbild. Wenige Monate zuvor war in Frankreich das von Simone de Beauvoir initiierte Manifest der 343 erschienen. Schwarzer griff diesen Impuls auf und brachte damit eine Debatte nach Deutschland, die bis heute nachwirkt.

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Für Alkan steht gerade diese Verbindung beispielhaft für Schwarzers Lebenswerk. Sie habe französische Ideen zur Gleichberechtigung, Freiheit und gesellschaftlichen Selbstbestimmung für die deutsche Öffentlichkeit zugänglich gemacht und damit über Jahrzehnte einen Austausch zwischen beiden Ländern gefördert. Die spätere Gründung der EMMA habe zusätzlich einen publizistischen Raum geschaffen, in dem gesellschaftliche Fragen diskutiert und internationale Entwicklungen aufgegriffen werden konnten. Dass Schwarzer bereits 2004 in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde, unterstrich für Alkan die Anerkennung, die ihr Wirken auch auf der anderen Seite der Grenze gefunden hat.

Mit der Verleihung des Deutsch-Französischen Freundschaftspreises würdigte die HomBuch deshalb nicht allein eine bekannte deutsche Journalistin, sondern eine Frau, deren Lebensgeschichte eng mit der europäischen Nachkriegsgeschichte verwoben ist. Für Schwarzer selbst war diese Verbindung mehr als ein historischer Rückblick. Nach der Ehrung nutzte sie die Gelegenheit, um ihre Sorge über den nachlassenden kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich anzusprechen.

Sie bedauerte ausdrücklich, dass die gegenseitige Beschäftigung mit Sprache und Kultur nicht mehr dieselbe Selbstverständlichkeit habe wie früher. Gerade im Saarland, wo Frankreich zum unmittelbaren Alltag gehöre, müsse diese Verbindung gepflegt und weiterentwickelt werden. Ihre Worte hatten dabei einen persönlichen Hintergrund: Schwarzer erinnerte daran, dass ihre Großeltern noch einer Generation angehörten, deren Leben vom deutsch-französischen Gegensatz und den Kriegen geprägt gewesen sei. Aus dieser Vergangenheit sei eine Freundschaft entstanden, die keineswegs selbstverständlich sei.

Dass diese Mahnung ausgerechnet im Homburger Siebenpfeifferhaus ausgesprochen wurde, verlieh dem Abend eine zusätzliche historische Dimension. Schon Michael Thieser hatte bei seiner Begrüßung an Philipp Jakob Siebenpfeiffer erinnert, dessen Name mit dem Kampf für Pressefreiheit, Demokratie und die Verständigung zwischen den Völkern verbunden ist. Themen, die auch im heutigen Europa erneut an Bedeutung gewonnen haben.

Nach der Preisverleihung wechselte der Abend vom europäischen Gedanken zur gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Im Gespräch mit Michael Thieser stellte Schwarzer ihr aktuelles Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ vor. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie ungewöhnlich: Anhand von 99 Begriffen blickt sie auf Themen zurück, die den Feminismus und ihre eigene Arbeit geprägt haben, und bezieht Stellung zu aktuellen Entwicklungen. Für jeden Begriff hat sie sich ein strenges Zeichenlimit gesetzt. „Ich habe für jeden Begriff 1800 Zeichen“, erklärte sie. Ausführlichkeit sei schließlich nicht immer notwendig, um einen Gedanken auf den Punkt zu bringen.

Ganz bewusst richtet sich das Buch dabei auch an jüngere Menschen. Schwarzer erklärte, sie wolle mit dem kompakten Format ausdrücklich die sogenannte TikTok-Generation erreichen. Was zunächst wie eine kleine journalistische Fingerübung wirkt, ist zugleich eine Einladung, über die jeweiligen Begriffe weiter nachzudenken – und gegebenenfalls auch zu widersprechen. Denn Schwarzer weiß, dass ihre Sicht auf den Feminismus keineswegs von allen geteilt wird.

Das zeigte sich besonders beim Thema Sprache. Ausgerechnet Schwarzer, die sich früh für eine stärkere Sichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache eingesetzt hatte, kritisierte den heutigen Umgang mit bestimmten Formen geschlechtergerechter Sprache. Mit einem Augenzwinkern erinnerte sie zunächst an ihre eigene Rolle in der Entwicklung feministischer Sprachformen: „Ich bekenne mich schuldig. Ich gehöre zu denjenigen, die damit angefangen haben.“ Den Ausgangspunkt ihres Engagements sieht sie weiterhin als richtig an. Sprache präge gesellschaftliche Vorstellungen und müsse Frauen sichtbar machen. Allerdings lehnt sie starre sprachliche Vorgaben und aus ihrer Sicht übertriebene Regelungen ab.

Dabei entwickelte sich durchaus ein Austausch mit Moderator Thieser, der auch auf die Perspektiven jüngerer Generationen einging. Schwarzer blieb bei ihrer Kritik, ohne den ursprünglich feministischen Anspruch einer geschlechtergerechten Sprache aufzugeben. Gerade diese Passage zeigte, dass die Frauenbewegung heute keineswegs mit einer einzigen Stimme spricht und ihre Geschichte auch von unterschiedlichen Auffassungen über den richtigen Weg geprägt ist.

Deutlich kontroverser wurde es, als Schwarzer über Transgeschlechtlichkeit und geschlechtliche Identität sprach. Sie erinnerte an ihr frühes Engagement für die gesellschaftliche Anerkennung transsexueller Menschen, äußerte zugleich aber erhebliche Vorbehalte gegenüber heutigen Entwicklungen und insbesondere medizinischen Behandlungen bei jungen Menschen. Ihre Aussagen gehören zu jenen Positionen, für die Schwarzer seit Jahren öffentlich kritisiert wird. In Homburg machte sie deutlich, dass sie diese Kritik kennt, an ihren Überzeugungen jedoch festhält.

Moderator Michael Thieser griff die unterschiedlichen gesellschaftlichen Sichtweisen auf und sprach die Bedeutung von Selbstbestimmung und persönlicher Identität an. Damit blieb das Gespräch nicht bei einer bloßen Wiedergabe von Schwarzers Positionen stehen. Es zeigte vielmehr, wie unterschiedlich die Vorstellungen darüber sind, was Gleichberechtigung, Freiheit und Selbstbestimmung im Einzelnen bedeuten. Schwarzers Bewertungen medizinischer und geschlechtlicher Fragen sind dabei umstritten und nicht mit einem abschließenden wissenschaftlichen Urteil gleichzusetzen.

Dass der Abend trotz solcher ernsten und teilweise kontroversen Fragen nicht schwerfällig wurde, lag auch an Schwarzers Humor. Als das Gespräch auf diesen Begriff aus ihrem Buch kam, erzählte sie von ihren Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war und die beide einen ausgeprägten, wenn auch unterschiedlichen Sinn für Komik besessen hätten. Humor sei für sie immer ein Teil des Lebens gewesen. „Ich lache gerne“, erklärte sie, und auf die Frage, ob das auch in schwierigen Situationen gelte, antwortete sie: „Ja, gerade dann.“

Sie erinnerte an die Diskussionen über Männer- und Frauenwitze, an satirische Aktionen der EMMA und daran, dass Humor immer auch etwas mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun habe. Wer über wen lachen dürfe, sei lange keineswegs gleich verteilt gewesen. Schwarzer erzählte davon mit sichtbarer Freude und einer Portion Selbstironie. Es waren solche Momente, die dem Abend zwischen den ernsten Themen immer wieder Leichtigkeit verliehen.

Gerade dieser Wechsel machte den Auftritt bemerkenswert. Schwarzer wirkte nicht wie jemand, der im Rückblick auf ein langes öffentliches Leben nur noch Bilanz ziehen möchte. Vielmehr zeigte sie sich weiterhin streitlustig, meinungsstark und bereit, Positionen zu vertreten, die Widerspruch hervorrufen. Nicht jede Einschätzung musste man teilen, um die Ernsthaftigkeit zu erkennen, mit der sie ihre Überzeugungen vortrug. Zugleich blieb immer wieder Raum für Lachen und für persönliche Erinnerungen.

Der Deutsch-Französische Freundschaftspreis verlieh diesem Auftritt schließlich eine Bedeutung, die über die aktuellen gesellschaftlichen Kontroversen hinausging. Denn Schwarzers Lebensweg erzählt auch davon, wie intensiv sich zwei Länder nach einer von Kriegen und Feindschaft geprägten Geschichte gegenseitig beeinflussen können. Die französische Frauenbewegung wirkte nach Deutschland, journalistische und politische Debatten überschritten Grenzen, und aus einem lange konfliktreichen Verhältnis wurde eine enge Partnerschaft.

Für das Saarland ist diese Geschichte besonders greifbar. Gerade hier gehört der Austausch mit Frankreich zum Alltag, auch wenn er immer wieder neue Impulse braucht. Schwarzers Plädoyer, diese Verbindung nicht als selbstverständlich hinzunehmen, gehörte deshalb zu den wichtigen Botschaften des Abends.

Die HomBuch 26 hatte mit Alice Schwarzer eine Persönlichkeit zu Gast, die sich seit Jahrzehnten in gesellschaftliche Debatten einmischt und dabei polarisiert. Im Siebenpfeifferhaus zeigte sie, dass sie sich ihre Mischung aus Ernsthaftigkeit, Schlagfertigkeit und Humor bewahrt hat. Der Abend bot Anlass zum Nachdenken, zum Widersprechen und gelegentlich auch zum Lachen. Vor allem aber erinnerte die Preisverleihung daran, wie wertvoll die deutsch-französische Freundschaft ist – und dass sie auch in Zukunft Menschen braucht, die sie mit Leben füllen.

Alle Bilder: Daniel von Hofen

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