Ein Flügel, drei vertraute Gesichter aus der saarländischen Kulturszene und Gespräche, die schnell persönlicher wurden, als man es von einer klassischen Literaturveranstaltung erwarten würde: Die HomBuch 26 ist am Montagabend mit einem ebenso unterhaltsamen wie musikalischen Heimspiel gestartet. Im gut gefüllten Siebenpfeifferhaus zeigten Roland Kunz, Bernhard Leonardy und Susanne Wachs, wie viel sich über Menschen erfahren lässt, wenn sie nicht nur über ihre Arbeit, sondern auch über ihre Leidenschaften, Erinnerungen und die Bücher sprechen, die sie begleiten. Für Veranstalter Hans-Joachim Burgardt war es ein Auftakt ganz nach seinem Geschmack – und dazu gab es gleich die nächste gute Nachricht: Auch der Abend mit Christian Streich ist inzwischen ausverkauft.
Dass die HomBuch längst über die Grenzen einer gewöhnlichen Lesereihe hinausgewachsen ist, wurde bereits zum Auftakt der diesjährigen Ausgabe deutlich. Im Siebenpfeifferhaus hatte Burgardt drei Persönlichkeiten zusammengebracht, die vielen Saarländern aus dem Radio, von Konzerten oder großen Kulturveranstaltungen bekannt sind. Roland Kunz, Musiker, Moderator und Redakteur bei SR kultur, Bernhard Leonardy, Intendant der Musikfestspiele Saar und Organist, sowie Susanne Wachs, Journalistin, Moderatorin und Programmgruppenleiterin bei SR 3 Saarlandwelle, gestalteten unter dem Titel „Bücher, Worte und Musik“ einen Abend, der bewusst anders angelegt war als eine klassische Autorenlesung.
Den musikalischen Auftakt übernahm Leonardy persönlich am Flügel. Mit Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ setzte er den passenden Ton, ehe Burgardt seine Gäste begrüßte. Für den Veranstalter war die Zusammenstellung des Trios ein persönlicher Wunsch. Schließlich kenne man die Stimmen von Kunz und Wachs aus dem Radio und Leonardy als musikalischen Kopf der Musikfestspiele Saar. Doch über die Menschen dahinter wisse man vergleichsweise wenig. „Wir wissen wenig über die Menschen, über das, was sie denken und fühlen, welche Musik sie hören, welche Bücher sie lesen“, erklärte Burgardt. Seine Hoffnung für den Abend brachte er anschließend auf den Punkt: „Der heutige Abend soll uns Türen und Herzen öffnen und uns freundschaftlich näher bringen.“
Dass er damit auf die richtige Besetzung gesetzt hatte, zeigte sich schon nach wenigen Minuten. Kunz, Leonardy und Wachs begegneten sich mit einer Vertrautheit, die nicht inszeniert wirkte. Sie unterbrachen sich, neckten einander, erinnerten sich an gemeinsame Erlebnisse und ließen sich auf spontane musikalische Ideen ein. Statt eines festgelegten Frage-Antwort-Spiels entwickelte sich eine lebendige Unterhaltung, in der die drei immer wieder neue Seiten von sich preisgaben.
Susanne Wachs etwa erzählte von ihrer frühen Begeisterung für französische Chansons. „Ich habe mit 13 angefangen, französische Musik zu hören“, erinnerte sich die SR 3-Moderatorin. Besonders die Sendung „Chanson de Paris“ von Pierre Séguy hatte sie damals fasziniert. Schon als Jugendliche träumte sie davon, selbst einmal Musik zusammenzustellen und die Geschichten hinter den Liedern zu erzählen. Heute gehört genau das zu ihrem Beruf. „Und das zu machen, selber ein Musikprogramm zusammenzustellen, was zu erzählen über diese Chansons, das ist eigentlich, wenn man sowas machen darf, das größte Geschenk“, schwärmte sie.
Dass Wachs weit mehr als eine Radiostimme ist, zeigte sich bei den Erinnerungen an ihre langjährige Arbeit im Musikgeschäft. Mehr als zwei Jahrzehnte organisierte sie beispielsweise Pressetermine und Fernsehauftritte von Mireille Mathieu im deutschsprachigen Raum. Ebenso wichtig ist ihr bis heute die Pflege der regionalen Kultur und der Mundart. „Man muss wissen, wo man herkommt, damit man weiß, wo man hingeht“, sagte sie. Die eigene Herkunft, Sprache und Musik seien wichtige Wurzeln, die man nicht verlieren dürfe.
Ganz andere, durchaus überraschende Einblicke gewährte Bernhard Leonardy. Der international vernetzte Organist und Festivalintendant berichtete von seiner Leidenschaft für die Pilzsuche, von historischen Automobilen und seiner künstlerisch geprägten Familiengeschichte. So erzählte er, dass sein Vater einst für Jean Cocteau Klavier gespielt habe und aus dem Kontakt zu verschiedenen Künstlern eine kleine private Kunstsammlung entstanden sei. Manchmal sei ein Bild schlicht die Bezahlung für einen Klavierabend gewesen. Auch seine Begeisterung für alte Automobile habe viel mit Kunst und Gestaltung zu tun. Passend dazu hatte Leonardy ein Buch über die italienische Automarke Iso Rivolta mitgebracht.
Bei aller Begeisterung für Kunst und Technik führte Leonardy das Gespräch immer wieder zurück zur Verbindung zwischen Sprache und Musik. Über 350 Lieder habe er geschrieben, erzählte er, und am Anfang stehe häufig ein einzelner Text. „Aber das Wort ist für mich etwas ganz Wichtiges. Weil es ist Inspiration für Musik. Und das ist jetzt schon mein Leben lang.“ Selbst die kleinsten sprachlichen Nuancen könnten für Musiker eine enorme Bedeutung haben. Es gehe darum, einem Wort nachzuspüren, seine verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken und aus Sprache Klang entstehen zu lassen.
Wie das ganz praktisch funktioniert, zeigte Roland Kunz wenig später mit einer spontanen Herausforderung. Er hatte ein Gedicht des amerikanischen Lyrikers E. E. Cummings mitgebracht und bat Leonardy, unmittelbar am Flügel dazu zu improvisieren. Eine musikalische Absprache gab es nicht. „Insofern ist heute Abend sehr viel Spontanität drin. Das ist das Gefährliche und das Schöne“, erklärte Kunz augenzwinkernd. Aus wenigen Versen entstand eine eigene musikalische Interpretation, bevor auch Kunz den Text auf seine Weise aufgriff. Es war einer jener Momente, in denen die Grundidee der HomBuch unmittelbar erlebbar wurde: Literatur wurde nicht nur besprochen, sondern in Musik übersetzt.
Kunz selbst sorgte mit Humor, musikalischem Gespür und persönlichen Erinnerungen dafür, dass die Gespräche immer wieder neue Richtungen einschlugen. Der gebürtige Saarlouiser erzählte dabei auch von seiner besonderen Verbindung zu Homburg. Seit rund 15 Jahren moderiert er hier das Klassik-Open-Air, hinzu kommen zahlreiche weitere Konzerte und Veranstaltungen. „Mittlerweile fühle ich mich hier in Homburg sehr zu Hause“, bekannte er. Mit Burgardt verbindet ihn zudem eine langjährige Freundschaft und eine Reihe gemeinsamer Kulturprojekte. Die Einladung zur HomBuch hatte er deshalb gerne angenommen.
Dass Literatur und Musik auch ernste Gedanken auslösen können, wurde beim französischen Chanson „Il est trop tard“ deutlich, das Wachs in den Mittelpunkt stellte. Das Lied erzählt von der unaufhaltsam vergehenden Zeit, von Liebe, verpassten Gelegenheiten und dem Bewusstsein, das eigene Leben nicht einfach verstreichen zu lassen. Wachs hatte dazu eine sehr persönliche Botschaft: „Wir müssen leben jeden Tag so, als wenn es der letzte wäre, ist wichtig für alle.“ Zwischen heiteren Erinnerungen und musikalischen Momenten entstanden so immer wieder Augenblicke, die über bloße Unterhaltung hinausgingen.
Für Hans-Joachim Burgardt dürfte der Auftakt damit genau jene Erwartungen erfüllt haben, die er vor Beginn im Gespräch mit Homburg1 formuliert hatte. Auch nach vielen Jahren geht der Veranstalter keineswegs völlig gelassen in eine neue HomBuch. „Ich könnte jetzt auf cool machen, aber natürlich ist man aufgeregt“, räumte er ein. Die Veranstaltungsreihe sei ein schönes, organisatorisch aber auch ausgesprochen aufwendiges Projekt. Umso größer sei die Freude, wenn das Publikum das Angebot annehme. „Wir machen es ja wegen Publikum“, brachte Burgardt seine Motivation auf den Punkt.
Besonders auf das Heimspiel zum Auftakt hatte er sich gefreut. Schon im vergangenen Jahr hatte er mit einem ähnlichen Format gute Erfahrungen gemacht, als Cliff Himmler, Michel Koch und Rainer Serra persönliche Einblicke gewährten. „Deswegen habe ich auch für dieses Jahr gedacht, beginnen wir mit einem Heimspiel. Mit Menschen, die hier in der Region verwurzelt sind, die man kennt oder hört im Radio“, erklärte Burgardt. Nach drei gemeinsamen Vorbereitungstreffen war er überzeugt, dass die Chemie zwischen Kunz, Leonardy und Wachs stimmen würde. Der Montagabend gab ihm recht.
Auch die Nachfrage nach den kommenden Veranstaltungen dürfte beim HomBuch-Team für Zufriedenheit sorgen. Bereits vor dem Start waren fünf Veranstaltungstermine ausverkauft. Nun ist mit Christian Streich ein weiterer hinzugekommen. Der langjährige Trainer des SC Freiburg und frühere Bundesligaspieler des FC 08 Homburg kehrt am Mittwoch, 14. Oktober, ins Waldstadion zurück, um unter dem Titel „Bücher meines Lebens“ über Literatur und prägende Werke zu sprechen. „Wir werden an die 600 Personen sein im Waldstadion. Ganz toll“, freute sich Burgardt im Gespräch mit Homburg1. Damit sind inzwischen sechs der neun Veranstaltungstermine vollständig ausgebucht.
Für die HomBuch 26 hätte der Auftakt also kaum passender verlaufen können. Ein gut gefüllter Saal, drei Protagonisten, die sich mit sichtbarer Freude aufeinander einließen, spontane Musik und Geschichten, die man so nicht unbedingt erwartet hätte. Vor allem aber zeigte der Eröffnungsabend, dass das Motto „Besondere Begegnungen“ mehr sein kann als eine Überschrift im Programmheft. Der erste Abend hat jedenfalls Lust auf die Fortsetzung gemacht. Und mit Ahmad Mansour, Christian Streich, Alice Schwarzer sowie dem Rilke Projekt warten in den kommenden Tagen noch einige besonders interessante Begegnungen auf das Homburger Publikum.
Alle Bilder: Daniel von Hofen















































