Mehr als 35 Verbände der deutschen Lebensmittelwirtschaft haben sich in einer gemeinsamen Stellungnahme gegen die geplante Einführung einer Zuckersteuer ausgesprochen. Der Vorstoß geht auf einen Antrag Schleswig-Holsteins zurück, der als Bundesrats-Drucksache Nr. 145/26 zur Abstimmung steht. Die Allianz, die vom Deutschen Bauernverband über die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie bis hin zum Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks reicht, bezeichnet das Vorhaben als symbolische Steuerpolitik ohne wissenschaftlich tragfähige Grundlage.
Im Kern dreht sich die Auseinandersetzung um die Frage, ob eine staatlich verordnete Verteuerung zuckerhaltiger Produkte tatsächlich messbare Gesundheitseffekte erzielen kann. Die Verbände verneinen das entschieden. Sie verweisen auf eine Analyse von Schüller et al. aus dem Jahr 2025, die zentrale Modellierungsstudien zu den Effekten einer Zuckersteuer statistisch-methodisch bewertet hat. Das Ergebnis dieser Untersuchung: Keine der häufig herangezogenen Studien genüge den Anforderungen evidenzbasierter Politik. Es fehlten belastbare Kausalitätsnachweise, realitätsnahe Modellannahmen und eine verlässliche Datenbasis. Die politische Argumentation stütze sich damit auf Modellrechnungen, die eine Wirkung lediglich unterstellten, statt sie nachzuweisen.
Die Branchenvertreter widersprechen zudem dem Bild, das der schleswig-holsteinische Antrag von der Ernährungssituation in Deutschland zeichnet. Daten des Robert Koch-Instituts aus der KiGGS-Studie zeigten, dass der Konsum zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren zurückgegangen sei. Die große Mehrheit trinke solche Produkte nicht täglich, auch hohe Konsummengen hätten sich verringert. Gleichzeitig sei die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter seit Jahren stabil geblieben. Aus Sicht der Verbände passt die Problemdiagnose des Antrags also nicht zu den verfügbaren Zahlen.
Besonders betonen die Unterzeichner die Erfolge freiwilliger Maßnahmen. Seit 2018 habe die Branche den Zuckergehalt marktrelevanter Erfrischungsgetränke um rund 15 Prozent gesenkt, wie auch eine Zwischenbilanz des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat bestätige. Diese Reduktion sei das Ergebnis von Reformulierungen, Produktinnovationen und einem breiteren Sortiment. Auch in anderen Bereichen der Ernährungsindustrie seien die Zuckergehalte signifikant gesunken. Der Antrag aus Kiel delegitimiere diesen kooperativen Ansatz ohne Not, so der Vorwurf, indem er staatlichen Zwang als einzig wirksames Mittel darstelle.
Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Zuckersteuer bewerten die Verbände als gravierend. In Zeiten ohnehin steigender Lebensmittelpreise würde eine solche Abgabe Verbraucherinnen und Verbraucher zusätzlich belasten. Für Unternehmen bedeute sie mehr Bürokratie, für die Konsumfreiheit einen spürbaren Einschnitt. All das geschehe ohne belastbaren Nachweis eines gesundheitlichen Nutzens. Eine Steuer könne Konsum allenfalls verschieben, aber keine nachhaltigen gesundheitlichen Verbesserungen garantieren.
Statt auf die isolierte Verteuerung einzelner Produkte zu setzen, fordern die Verbände einen ganzheitlichen Präventionsansatz. Übergewicht und ernährungsmitbedingte Erkrankungen seien komplexe gesellschaftliche Herausforderungen, die sich nur durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren wirksam bekämpfen ließen. Ernährungsbildung, Bewegungsförderung, die Gestaltung des Lebensumfelds und die Verbesserung sozialer Rahmenbedingungen müssten im Mittelpunkt stehen. Eine Steuer auf einzelne Zutaten generiere zwar Einnahmen für den Staat, wirke aber nicht auf die Gesundheit der Bevölkerung ein.
Die Breite der Allianz ist bemerkenswert. Unter den mehr als 35 Unterzeichnern finden sich neben den großen Dachverbänden der Ernährungsindustrie auch Vertreter des Bäckerhandwerks, der Fleischwirtschaft, der Milchindustrie, der Brauereien, der Süßwarenbranche, der Systemgastronomie, des Getränkehandels und sogar der Werbewirtschaft. Vom Deutschen Bauernverband über die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rübenbauerverbände bis zur Union der italienischen Speiseeishersteller reicht das Spektrum. Diese geschlossene Front signalisiert, dass die Lebensmittelbranche den Vorstoß aus Schleswig-Holstein als grundsätzliche Weichenstellung betrachtet, die weit über eine einzelne Produktkategorie hinausgeht.
Die Verbände appellieren an die Mitglieder des Bundesrats, den Antrag abzulehnen und stattdessen auf faktenbasierte Politik zu setzen. Für einen konstruktiven Dialog über gemeinsame Maßnahmen stünden sie jederzeit zur Verfügung. Ob der Vorstoß im Bundesrat eine Mehrheit findet, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Debatte um eine Zuckersteuer in Deutschland hat mit diesem Antrag und der massiven Gegenreaktion der Wirtschaft eine neue Intensität erreicht.




















