Mit geschätzt 700.000 Beschäftigten arbeiteten in der Textil- und Bekleidungsindustrie in NRW einst fast so viele Menschen wie im Bergbau. Heute weiß das allerdings kaum noch jemand. Warum der Industriezweig wegbrach, ohne dass seine Existenz im kollektiven Gedächtnis hängengeblieben ist, erforscht Alicia Gorny vom Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Sie beleuchtet vor allem die Rolle der Frauen, die mehrheitlich in der Branche arbeiteten. „Es wird gern behauptet, die Arbeiterinnen hätten den Untergang der Bekleidungsindustrie sang- und klanglos hingenommen. Das ist ein Irrtum“, sagt Gorny. Über ihre Forschung berichtet das Wissenschaftsmagazin Rubin der RUB.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich Standorte wie Bochum, Wattenscheid, Gelsenkirchen oder Essen zu Hochburgen der Bekleidungsindustrie. Doch der Boom hielt nicht lange an. Mit den Billiglöhnen in Südeuropa, später in Asien, konnten deutsche Produktionsstandorte nicht mithalten. In den 1970er-Jahren meldete ein Betrieb nach dem anderen Konkurs an und verschwand.

Dass sich der Niedergang eines riesigen Industriezweigs ohne Aufsehen vollzog, liegt laut Alicia Gorny unter anderem daran, dass es sich um kleine und mittelständische Unternehmen handelte, die für sich genommen jeweils viel weniger Menschen beschäftigten als eine Zeche. Zwar berichteten die Medien über Firmen, die Konkurs anmeldeten, aber die Information blieb nicht nachhaltig hängen. Es gab aber durchaus Gruppen, die die Tragweite der Lage erfassten. Die mehrheitlich weiblichen Mitglieder der Gewerkschaft Textil-Bekleidung organisierten zahlreiche Proteste und machten auf die wachsende Konkurrenz aus Asien aufmerksam. „Die Politik wusste, dass die Branche starb“, bringt Alicia Gorny es auf den Punkt.

Die Wissenschaftlerin durchsuchte nicht nur Zeitungsarchive, sondern wertete auch Korrespondenzen des damals FDP-geführten Wirtschaftsministeriums aus. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Bekleidungsindustrie geopfert wurde – was nicht schwerfiel, weil mehrheitlich Frauen in diesem Sektor arbeiteten. Nach damaliger Einschätzung konnten diese sich alternativ mehr um den eigenen Haushalt kümmern; als ausschlaggebend galt das Gehalt des Mannes.

Besser Bekleidung aufgeben als Technologie

In den 1970er-Jahren sah sich die exportstarke Bundesrepublik gezwungen, den Aufbau von Industrien in den damaligen Schwellenländern zu unterstützen und Waren zu importieren – um im Gegenzug neue Märkte für den Export zu erschließen. Die Schwellenländer sollten lieber in der Bekleidungsbranche erstarken als im Technologiesektor, in dem Deutschland selbst Ambitionen hatte. „Die Politiker sahen auch keine Notwendigkeit, dass Frauen Arbeit hatten, weil sie ja noch einen Ernährer zuhause hatten. Außerdem herrschte die Meinung vor, dass es in der Bekleidungsindustrie sowieso keine schönen Jobs gäbe“, führt Gorny aus.

Weitere Informationen: https://hiko.hypotheses.org/659

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