Was zählt künftig als eigene Leistung, wenn ein Chatprogramm in Sekunden ganze Aufsätze formuliert? Diese Frage stand im Zentrum des zweiten Treffens des Expertennetzwerks „KI in der saarländischen Bildung“, zu dem sich Fachleute aus Wissenschaft, Schulpraxis und weiteren Institutionen im Ministerium für Bildung und Kultur versammelten. Ihr Auftrag: konkrete Empfehlungen für eine faire und rechtssichere Prüfungskultur im Zeitalter generativer KI zu formulieren.
Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot machte den Anspruch des Landes deutlich. Künstliche Intelligenz gehöre für viele Jugendliche längst zum Alltag und werde sie durch Ausbildung, Studium und Beruf begleiten. „Schule muss junge Menschen deshalb befähigen, KI klug, kritisch und verantwortungsvoll einzusetzen“, sagte sie. Gleichzeitig dürfe nicht verloren gehen, was Schülerinnen und Schüler selbst beherrschen müssten: „lesen, schreiben, rechnen, denken und urteilen“.
Gerade bei Prüfungen brauche es verlässliche Regeln, betonte die Ministerin. Noten müssten auch im KI-Zeitalter die eigene Leistung abbilden. Das Ziel sei dabei ausdrücklich nicht, die Technologie aus dem Klassenzimmer zu verbannen, sondern Lernen und Prüfen so weiterzuentwickeln, dass ihre Chancen genutzt werden, ohne Fairness und Verlässlichkeit zu opfern.
Wie dringend der Beratungsbedarf an den Schulen ist, schilderte Dr. Anika Limburg, Direktorin des Bildungscampus Saarland. Lehrkräfte und Schulleitungen stellten ganz praktische Fragen: Wie geht man mit KI in Prüfungen um, was tun bei einem Täuschungsverdacht, und wie muss sich die Prüfungskultur insgesamt verändern? „Sie brauchen rechtliche Orientierung und Handlungssicherheit“, so Limburg. Auf Grundlage der aktuellen Rechtslage und des Spielraums, den etwa der saarländische Leistungsbewertungserlass eröffne, sollten die Empfehlungen allen Beteiligten im Schulalltag eine Richtschnur bieten.
Inhaltlich konzentrierte sich das Treffen auf vier Felder: Prüfungsformate, Schreibaufgaben, Hausaufgaben sowie die Kompetenzen, die eine von KI geprägte Welt verlangt. Nach einem fachlichen Impuls zur rechtlichen Lage und zur schulischen Praxis arbeiteten die Mitglieder an Fragen, die den Kern jeder Bewertung berühren. Wann sollten Prüfungen bewusst ohne technische Hilfe stattfinden? Wann darf KI als Werkzeug dienen? Und wie lassen sich Eigenleistung, Chancengerechtigkeit und Vergleichbarkeit sichern?
Die Ergebnisse sollen nicht in der Schublade verschwinden. Sie fließen in einen Leitfaden ein, der saarländischen Lehrkräften Orientierung beim Einsatz von KI in Unterricht und Leistungssituationen geben soll. Parallel wird das bestehende Basiscurriculum für Medienbildung und informatische Bildung überarbeitet und um KI-Kompetenzen ergänzt. Beide Dokumente sollen voraussichtlich im ersten Quartal 2027 gemeinsam erscheinen.
Das Netzwerk selbst wurde im November 2025 für zwei Jahre ins Leben gerufen. Bereits beim ersten Treffen im April 2026 entstanden Empfehlungen zu KI-bezogenen Kompetenzen, zur Nutzung durch Lehrkräfte und zur Schulentwicklung. Mitgewirkt haben Vertreterinnen und Vertreter saarländischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen, der Landesmedienanstalt, der Wirtschaft und der Landesschülervertretung sowie Schulleitungen und Lehrkräfte aller Schulformen, begleitet vom Ministerium für Bildung und Kultur und dem Bildungscampus Saarland.




















