Rostock wird in diesen Tagen zum Schaufenster für die Schifffahrt von morgen. Rund 200 Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik kommen am 17. und 18. Juni beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) zusammen, um über digitale, automatisierte und autonome Technologien für Schiffe, Häfen und Wasserstraßen zu beraten. Die dritte Fachkonferenz „Neue Technologien und Testfelder für Wasserstraßen und Häfen“ des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) ist damit die bislang größte Veranstaltung ihrer Art in Deutschland.
Dass ausgerechnet die Hansestadt zum Treffpunkt der Branche wird, hat einen einfachen Grund: Über 80 Prozent des weltweiten Warenverkehrs laufen über den Seeweg. Für eine Export- und Importnation wie Deutschland ist eine leistungsfähige und innovative Schifffahrt deshalb keine Nebensache. „Deutschland ist Vorreiter für die autonome Schifffahrt in Europa und weltweit“, betont Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Mit automatisierten, ferngesteuerten und autonomen Systemen erhalte die Branche ein nachhaltiges digitales Upgrade, das zugleich klimafreundliche Logistik fördere.
Die maritime Wirtschaft treibt diesen Umbau seit Jahren konsequent voran. Moderne Sensorik, digitale Lagebilder und Assistenzsysteme verschlanken Abläufe, drücken Emissionen und steigern die Schlagkraft von Häfen wie Wasserstraßen. Gleichzeitig verschieben sich die Anforderungen an Technik, Regulierung und Qualifizierung. BSH-Präsident Helge Heegewaldt sieht darin eine doppelte Chance: „Die Zukunft der Schifffahrt ist digital. Dafür brauchen wir Menschen, die neue Technologien entwickeln. Und wir brauchen Menschen, die diese Technik überwachen und anwenden.“ Gerade angesichts des Fachkräftemangels könnten die neuen Berufsbilder Nachwuchs an Bord locken.
Im Zentrum der Konferenz stehen drei Förderlinien, die den Innovationsschub finanziell unterfüttern. Das Programm „Digitale Testfelder in Häfen“ hat seit 2021 insgesamt 39 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 71,2 Millionen Euro auf den Weg gebracht, verteilt auf 42 See- und Binnenhafenstandorte. Aus dem Bundesetat flossen davon rund 43 Millionen Euro. Das Programm „Digitale Testfelder Wasserstraßen“ besteht seit 2020 und unterstützte bislang 17 Vorhaben mit etwa 30 Millionen Euro – darunter das im Maßstab 1:6 gebaute Binnenschiff ELLA, die emissionsfreie Fähre WAVELAB und das modulare Transportschiff BORIS KLUGE. Hinzu kommen 32 Projekte im Programm „Innovative Hafentechnologien“ mit 52 Millionen Euro Förderung, ergänzt um rund 20 Millionen Euro Eigenmittel der beteiligten Unternehmen.
Dass sich die Investitionen bereits rechnen, zeigen erste Auswertungen: Optimierte Anfahrtsprozesse und digitale Assistenzsysteme verhindern Schäden an Hafeninfrastrukturen und sparen Instandhaltungskosten in sechsstelliger Höhe. „Deutschland ist ein starker Innovationsstandort“, fasst der Parlamentarische Staatssekretär Christian Hirte die Bilanz zusammen.
Wie weit die Entwicklung gediehen ist, lässt sich auf der Warnow direkt vor dem BSH besichtigen. Im Fachforum „Autonome Schifffahrt“ steuern Systeme selbstständig definierte Routen ab, weichen Hindernissen aus, legen ferngesteuert an und ab und erfassen ihr Umfeld in Echtzeit. „Autonome und ferngesteuerte Schiffe sind keine Vision mehr – sie sind Realität“, sagt Staatssekretärin Dr. Elif Stutz beim Praxistest. Anders als auf der Straße bewegen sich Schiffe ohne Fahrspuren in einem dynamischen Umfeld aus Wind, Strömungen und wechselndem Verkehr – die Systeme müssen Situationen also fortlaufend bewerten und die internationalen Ausweichregeln anwenden.
Eine besondere Hürde sind die zunehmenden Störungen von Satellitensignalen in der Ostsee. Hier setzen die Entwickler auf ein terrestrisches Ranging-Mode-System, das Funksignale von Küstenanlagen zur Positionsbestimmung nutzt und so die Satellitennavigation unabhängig ergänzt. Den internationalen Rahmen für die nächste Stufe liefert der Maritime Autonomous Surface Ships Code (MASS-Code) der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO), den Deutschland aktiv mitgestaltet hat. Er tritt am 1. Juli 2026 zunächst unverbindlich in Kraft, Ende 2026 folgt eine Experience-Building-Phase zum Sammeln praktischer Erfahrungen. Ergänzend arbeitet Deutschland seit Juli 2025 im MASS-Memorandum der Nordseeanrainer mit – ein Schritt, der besonders kleineren, nicht vom SOLAS-Übereinkommen erfassten Fahrzeugen den grenzüberschreitenden Betrieb erleichtern soll.



















