Mehr als 850 an Parkinson erkrankte Menschen aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen haben über jeweils zwölf Monate hinweg einen neuen Weg in der ambulanten Versorgung erprobt. Mit einem Symposium zogen die Universitätsmedizin Mainz und das Universitätsklinikum des Saarlandes am 30. Oktober 2026 Bilanz über das Innovationsfondsprojekt INSPIRE-PNRM+, dessen Interventionsphase nun erfolgreich abgeschlossen ist.
Im Zentrum des Projekts steht eine Idee, die die Rollenverteilung im Gesundheitswesen neu denkt: besonders qualifizierte Pflegefachpersonen übernehmen mehr Verantwortung. Diese sogenannten Advanced Practice Nurses, auf Masterniveau ausgebildet und mit mehrjähriger Berufserfahrung, beurteilen die individuelle Krankheitssituation jedes Patienten und entwickeln daraus einen maßgeschneiderten Behandlungsplan. Abgestimmt wird dieser eng mit den behandelnden Fachärztinnen und -ärzten, regelmäßig überprüft und angepasst in einem telemedizinischen Austausch, der kurze Wege schafft.
Das Kürzel steht für „Interdisziplinäre und Intersektorale telemedizinische Evaluation, Koordination und Behandlung im ParkinsonNetz“. Finanziert wurde das Vorhaben über dreieinhalb Jahre vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses mit rund 5,6 Millionen Euro. Gestartet im August 2023, wurde das Projekt Anfang 2025 auf das Saarland ausgeweitet.

Für Professor Sergiu Groppa, wissenschaftlicher Leiter des Projekts und Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, liegt in diesem Ansatz eine Chance, die weit über die Region hinausreicht. „Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, innovative Therapien und digitale Technologien eröffnen Chancen, die Versorgung und Parkinson-Forschung weiterzuentwickeln“, sagte er. Dafür brauche es die enge Zusammenarbeit von spezialisierter Versorgung, qualifizierter Pflege, Forschung, Kostenträgern, Industrie und den Betroffenen selbst. INSPIRE biete die Gelegenheit, das Parkinson-Feld im Saarland und in Rheinland-Pfalz „zu einem national und international sichtbaren Feld zu machen“.
Auch die Politik sieht in dem Modell einen Baustein für die Zukunft. Der rheinland-pfälzische Wissenschafts- und Gesundheitsminister Clemens Hoch verwies auf die gesundheitspolitischen Schwerpunkte seines Landes, die Stärkung von Delegation und die konsequente Nutzung digitaler Möglichkeiten. Projekte mit einer so vorbildlichen Vernetzung seien, so Hoch, „vielversprechend für die bestmögliche Behandlung und mehr Lebensqualität der Betroffenen“. Sein saarländischer Kollege Magnus Jung, Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit, lobte das Vorhaben als Musterbeispiel dafür, wie Universitätsmedizin im Netzwerk mit anderen Kliniken, Krankenkassen und niedergelassenen Ärzten Menschen den Zugang zu Spitzenforschung eröffnen könne, über Ländergrenzen hinweg.
Die Konsortialführung liegt bei der Universitätsmedizin Mainz, beteiligt sind unter anderem die Deutsche Parkinson Vereinigung, die Katholische Hochschule Mainz, die Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, das Universitätsklinikum Frankfurt sowie die Techniker Krankenkasse und die DAK-Gesundheit. In den kommenden Monaten folgt die wissenschaftliche Auswertung, bei der vor allem die Lebensqualität der Betroffenen und die Frage im Mittelpunkt stehen, welchen Beitrag das Modell zu einer bedarfsgerechteren Betreuung leisten kann.
Die Dringlichkeit ist absehbar. Morbus Parkinson ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung, rund 300.000 Menschen leben in Deutschland damit. Weil absterbende Gehirnzellen immer weniger des Botenstoffs Dopamin produzieren, kommt es zu den typischen Bewegungsstörungen. Die Krankheit schreitet schleichend voran, meist wird sie zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr diagnostiziert. Je weiter sie fortschreitet, desto höher werden die Anforderungen an eine koordinierte und individuell angepasste Betreuung, genau hier will INSPIRE ansetzen.



















