Wenn der Rhein zu wenig Wasser führt oder die Straße von Hormus blockiert ist, spüren das am Ende alle: Transporte werden teurer, Lieferungen verspäten sich, Unternehmen müssen kurzfristig umdisponieren. Solche Störungen zeigen, wie schnell ganze Lieferketten ins Wanken geraten – und wie abhängig sowohl die deutsche Wirtschaft als auch die Menschen im Alltag von einer funktionierenden Logistik sind. Die Branche setzt deshalb große Erwartungen in digitale Technologien und Künstliche Intelligenz.
Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 502 Logistikunternehmen ab 20 Beschäftigten belegt diesen Kurs deutlich. 91 Prozent der befragten Firmen betrachten die Digitalisierung als Chance, lediglich sieben Prozent sehen darin eher ein Risiko. KI ist mittlerweile in etwa jedem zweiten Unternehmen im praktischen Einsatz. Vorgestellt wurden die Ergebnisse anlässlich der Transport- und Logistikmesse IAA Transportation, die vom 15. bis 20. September in Hannover stattfindet.
Doch die Rahmenbedingungen bleiben angespannt. Über hohe Energiepreise klagen praktisch alle Betriebe, 87 Prozent nennen den Fachkräftemangel, 71 Prozent unterbrochene Lieferketten. Auch überbordende Bürokratie und geopolitische Konflikte belasten mehr als die Hälfte der Branche. „Die Logistik ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wenn Lieferketten stocken und Kosten steigen, bekommen das Industrie, Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher unmittelbar zu spüren“, sagt Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert. Digitalisierung sei deshalb kein Nice-to-have, sondern die wichtigste Antwort auf diese Probleme.
Der erwartete Nutzen reicht weit über reine Kosteneinsparungen hinaus. Zwei Drittel der Unternehmen erhoffen sich mehr Transparenz in den Lieferketten, ebenso viele einen besseren Service für ihre Endkunden. 60 Prozent rechnen mit einer geringeren Umweltbelastung, 56 Prozent mit attraktiveren Arbeitsplätzen. Bemerkenswert: Kein einziges Unternehmen sieht in digitalen Anwendungen überhaupt keinen Vorteil für die Logistik.
Gebremst wird der Wandel jedoch weniger vom Geld als vom fehlenden Wissen. 73 Prozent nennen den Mangel an Fachkräften und Knowhow als größtes Hemmnis, gefolgt von Sorgen um IT- und Datensicherheit sowie fehlender Zeit im Tagesgeschäft. Der Personalmangel ist längst überall zu spüren: Es fehlen Zustellerinnen und Zusteller, Fahrerinnen und Fahrer, Disponentinnen und Disponenten – nur vier Prozent der Betriebe melden aktuell keine Lücke. Durch die Digitalisierung dürfte sich der Bedarf verschieben, vor allem IT-Kräfte werden bis 2035 deutlich stärker gefragt sein.
Unter den eingesetzten Technologien führt derzeit noch Cloud Computing mit 61 Prozent, doch die Dynamik gehört der Künstlichen Intelligenz. Ihr Anteil kletterte von 22 Prozent im Jahr 2022 auf inzwischen 51 Prozent, weitere 22 Prozent planen den Einsatz. Zugleich bleiben Vorbehalte: 58 Prozent glauben, KI werde niemals so gut sein wie eine ausgebildete Fachkraft, 30 Prozent halten den Trend gar für einen vorübergehenden Hype. „KI ist hier, um zu bleiben“, hält Rückert dagegen. Mit gekauften Lizenzen allein sei es aber nicht getan – die Beschäftigten müssten die Anwendungen auch verstehen und sicher nutzen können.
Genau hier klemmt es noch: 54 Prozent der Firmen fehlt die Expertise, um KI in ihre Abläufe einzubinden. Zwar bieten 73 Prozent Schulungen an, doch nur acht Prozent schulen ihre gesamte Belegschaft. Ihre Digitalbudgets fahren die Unternehmen dennoch hoch: 42 Prozent wollen die Investitionen im kommenden Jahr steigern. Und der Blick auf 2036 fällt entsprechend futuristisch aus. Eine Mehrheit erwartet, dass KI dann große Teile der Lieferketten in Echtzeit steuert, dass Waren per Drohne beim Kunden ankommen – und dass humanoide Roboter in den Lagerhallen ihren Dienst tun.


















