Der in Oberbexbach lebende Jazz-Musiker Ro Gebhardt. - Foto: Rosemarie Kappler

Nichts geht über live! – Mit diesem Slogan wirbt seit vielen Jahren der Verein der Kammermusikfreunde Saar-Pfalz für die alljährlich von ihm organisierten Internationalen Kammermusiktage in Homburg. Die Mitglieder wissen um den faszinierenden Zauber der Musik, der seine Wirkung erst im Konzertraum entfalten kann, wenn Künstler und Publikum in einen besonderen Dialog miteinander treten. Eben solche Konzerte gibt es nun seit Monaten aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr.

Schade für die vielen Menschen, die sich regelmäßig in unterschiedlichen Gruppen zusammenfinden um mit Künstlern ihren meist stillen Dialog zu pflegen. Tragisch aber geradezu für die Künstler selber, denen nicht nur das Publikum fehlt, sondern auch die Möglichkeit, ihre Kunst auszuüben und zu verfeinern und ihren Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Auch den in Oberbexbach lebenden und arbeitenden Musiker Ro Gebhardt hat Corona kalt erwischt. „Meine Karriere als Künstler hat es ab März getroffen. Zwischen 50 und 100 Konzert-Terminen sind es normalerweise im Jahr, 2020 gab es sieben. Am 28. Februar hatte ich mein letztes Konzert gegeben. Dann kam der Lockdown, danach ist es nochmal etwas aufgebrochen und wir haben im Sommer ein paar kleinere Sachen machen können, etwa im Deutsch-Französischen Garten, aber faktisch bin ich seit einem Jahr arbeitslos.“

Monitär bedeutet das für Gebhardt: Zwei Drittel des Einkommens sind weggebrochen. Dazu gehören auch die Anteile aus den Gema-Gebühren, die für Künstler sehr wichtig sind. Gebhardt rechnet damit, dass dieser Einnahmenanteil auch für die kommenden eineinhalb Jahre wegbrechen wird, weil niemand sagen kann, wann und in welchen Maße es mit Konzerten weitergeht. Zum Glück habe er von Sofort- und Überbrückungshilfen profitieren können. Damit sei der Einnahmeneinbruch zwar längst nicht kompensiert, „aber wir stecken ja alle tief drin und deshalb bin ich sehr dankbar, dass überhaupt etwas passiert.“ Wie andere hauptberufliche Künstler kennt auch Gebhardt schon seit Jahrzehnten die Unbillen der freiberuflichen Aufs und Abs: „Ich weiß, wie riskant es ist, wenn man sich mit Live-Konzerten über Wasser halten will. Deshalb habe ich mich schon früh mit der Musikpädagogik auseinandergesetzt.“

Auf das Gitarre-Studium am Berklee College of Music in Boston hatte er zeitig ein Studium für Arrangement- und Kompositionstechnik im Bereich Jazz an der Musikhochschule in Köln absolviert und mit summa cum laude abgeschlossen. Der in Boston verfeinerten Virtuosität auf der Gitarre setzte er das Wissen um Gehörbildung, Harmonielehre, Werkanalyse und um das Erkunden von Hörereignissen in der Musik dazu. Auch während der nunmehrigen Krise kann er so als Dozent etwa an der Musikhochschule Saarbrücken, an der Musikschule Neunkirchen und als Privatmusiklehrer wirken: „Mir und meiner Familie hat das den Absturz in Hartz 4 erspart, ich wüsste nicht wie ich ohne das Pädagogische über die Runden kommen könnte.“ Aber auch das gehört zur Realität: „Jetzt bin ich hochqualifizierter Musiker und kann mit meiner Musik nichts verdienen; das ist schon deprimierend, belastet die Psyche.“

Wie viele andere auch versucht Gebhardt sein Glück über den eigenen youtube-channel, über Internet-Plattformen, Crowdfunding und sozialen Netzwerke. Mehr als Centbeträge fließen da allerdings kaum. Das einzige was fließt ist die Zeit, denn von der benötigt der Jazzer ganz viel, um seine Videoclips im Alleingang zu produzieren, damit er präsent bleiben kann.

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Das Musikgeschäft hat sich in all den Jahrzehnten gewandelt. Nicht nur, dass die Zahl der Auftrittsmöglichkeiten und die Höhe der angebotenen Honorare abgenommen hat, auch die Konkurrenz von überall und rund um die Uhr kostenfrei angebotenen Musik- und Unterrichtsangeboten mache hauptberuflichen Künstlern das Leben schwer. Und dennoch: Die Zahl der Musikstudierenden steige kontinuierlich. „Die Zahl der Absolventen ist explodiert, die meisten Jazzstudenten gehen ins Lehramt, die werden Lehrer, weil sie wissen, dass die große Karriere als Carlos Santana wie ein Sechser im Lotto ist. Mein Rat ist deshalb ohnehin: Erst ins Lehramt und dann sehen, was geht. Denn früher konnte man an jeder Straßenecke spielen. Nur Musik machen reicht heute aber nicht mehr aus; man muss Konzepte anbieten, alles ist vielschichtiger, man braucht mehr Technik, bekommt weniger Geld.“

Wo früher eine aufwendig produzierte LP als Aushängeschild einer Band galt, ist heute Inflation dank Technik angesagt: Die mit Bordmitteln im Keller hergestellte CD, das selbst produzierte Video und die Verteilung im Internet. Die Mühe, die Spreu vom Weizen zu trennen, mache sich kaum jemand. Kunst sei eine Frage der Werte sagt Gebhardt. Angesichts des zurzeit in der Corona-Krise sich abzeichnenden Blicks hat er sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „system irrelevant“ besorgt. „Klar, Klopapier ist wichtiger als zwei vierstimmige Jazz-Akkorde. Aber Künstler leisten doch einen immensen Beitrag zu unserer Kultur und dem Wertesystem. Wenn sich jemand ins Zeug legt, permanent übt, einarbeitet, einfühlt, Sensibilität und Talent mitbringt und auch ein wenig Glück dabei hat, anderen die Schönheit der Dinge zu zeigen, dass es diese überhaupt gibt und dass sie von der Seele aufgenommen werden, dann ist das was ganz Wichtiges. Und genauso wichtig ist es für die Gesellschaft, dass es Leute gibt, die diese Werte erkennen und zu schätzen wissen“, stellt Gebhardt auf die besondere Situation von Kunstschaffenden ab, um dann den Blick auf die Corona-Beschränkungen zu fokussieren: „Klar wir werden aufgefangen. Aber die Frage ist, wie lange dauert es noch? Wenn es weitergeht mit den Mutationen und die Impfstoffe schaffen es nicht das Ganze auszubremsen, dann geht das gleiche Spielchen nochmal los. Wenn das noch weitergeht, dann wird es ein Artensterben geben, dann wird der Musiker verschwinden und in einen anderen Beruf wechseln oder in die Pädagogik flüchten.“ Manchmal zähle auch er schon die Jahre bis zur Rente. Aber schön sei das nicht. Die Situation insgesamt sei psychisch schon sehr belastend: „Man will es gar nicht wahrhaben, in welcher Situation man da steckt. Schon über ein Jahr. Und noch kein Ende.“

 

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