Fast die Hälfte der deutschen Unternehmen hält Männer für besser geeignet, wenn es um IT- und Digitalberufe geht. Genauer gesagt sind es 43 Prozent – eine Zahl, die im Jahr 2026 aufhorchen lässt. Denn obwohl die Wirtschaft händeringend Fachkräfte sucht und die Vorteile gemischter Teams längst belegt sind, halten sich Stereotype in den Chefetagen hartnäckig. Das zeigt eine repräsentative Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. „Stereotype Rollenbilder sind noch in zu vielen Unternehmen verankert“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Wenn IT-Berufe Frauen abschrecken oder ihnen zu wenig bekannt sind, ist das kein Naturgesetz. Es ist ein klarer Auftrag an Unternehmen, Bildung und Politik, Barrieren abzubauen und IT-Berufe für Frauen sichtbar und attraktiv zu machen.“
Die Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Realität könnte kaum größer sein. 78 Prozent der befragten Firmen räumen ein, dass die Wirtschaft ohne Frauen ihre Zukunft verspiele. Neun von zehn sind überzeugt, gemischte Teams verbesserten das Betriebsklima, acht von zehn sehen positive Effekte auf Produktivität und Kreativität. Und doch bleibt die Praxis weit hinter diesen Bekenntnissen zurück. In 89 Prozent der Unternehmen sind weniger als die Hälfte der Stellen in IT- und Digitalfachbereichen mit Frauen besetzt. Kein einziges der repräsentativ befragten Unternehmen beschäftigt in diesen Bereichen mehr Frauen als Männer – wie schon im Vorjahr. Lediglich neun Prozent berichten von einem annähernd ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, immerhin eine Verdopplung gegenüber 2025. Der Blick über die Landesgrenzen fällt entsprechend ernüchternd aus: 67 Prozent der Unternehmen sehen Deutschland beim Thema Gleichstellung in IT-Berufen unter den Nachzüglern, 17 Prozent meinen sogar, die deutsche Wirtschaft habe den Anschluss verpasst.
Die Ursachen für den geringen Frauenanteil sind vielschichtig und liegen nach Einschätzung der Unternehmen häufig in den eigenen Strukturen. Jedes zweite Unternehmen benennt Hürden beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit als zentrales Problem, etwa fehlende Weiterbildungsangebote während der Auszeit. 48 Prozent sehen mangelnde Sensibilisierung bei Führungskräften mit Personalverantwortung. Männlich geprägte Rollenbilder innerhalb der Belegschaft identifizieren 47 Prozent als Hemmnis, 39 Prozent sprechen von einer gläsernen Decke, die Frauen trotz gleicher Qualifikation den Aufstieg erschwert. Hinzu kommen politische Versäumnisse: Mehr als die Hälfte der Unternehmen kritisiert Hürden beim Quereinstieg, 48 Prozent bemängeln die Betreuungsinfrastruktur, 40 Prozent eine klischeebehaftete Berufsorientierung an Schulen. Wintergerst betont: „Entscheidend ist, dass mehr Mädchen und junge Frauen früh mit IT in Berührung kommen – durch bessere Berufsorientierung, praxisnahe Angebote und gezielte Qualifizierung.“
Immerhin setzen sich vier von zehn Unternehmen inzwischen konkrete Ziele, um den Frauenanteil in IT- und Digitalbereichen zu steigern. Vier Prozent haben ihre selbst gesteckten Vorgaben bereits erreicht, neun Prozent arbeiten mit definierten Zeitplänen, ein Viertel hat sich allgemeine Zielmarken gesetzt. Auf der anderen Seite geben 36 Prozent offen zu, dass das Thema bei ihnen keine Rolle spielt. Die Begründung: 72 Prozent dieser Gruppe verweisen auf fehlende qualifizierte Bewerberinnen, 57 Prozent setzen schlicht andere Prioritäten. Beim aktiven Recruiting zeigt sich ein differenzierteres Bild. 79 Prozent der Unternehmen nutzen mindestens eine gezielte Maßnahme, um Frauen für IT-Berufe zu gewinnen. Am verbreitetsten sind Kooperationen mit Hochschulen und Schulen bei 29 Prozent, gefolgt von speziellen Einstiegsprogrammen wie Traineeships bei 25 Prozent und auf Frauen zugeschnittenen Social-Media-Kampagnen bei 24 Prozent.
Doch Frauenförderung stößt in Teilen der Wirtschaft weiterhin auf Widerstand. Jedes fünfte Unternehmen empfindet sie als unnötige Belastung, 23 Prozent halten sie für nicht lohnend, 28 Prozent sogar für überflüssig. Mehr als ein Drittel sieht darin eine Ungerechtigkeit gegenüber Männern, 38 Prozent unterstellen vielen Initiativen reine Symbolpolitik. Trotz dieser Vorbehalte wachsen die konkreten Maßnahmen: Mobiles Arbeiten bieten oder planen mittlerweile 86 Prozent der Unternehmen, familienfreundlichere Arbeitsbedingungen stiegen von 66 auf 78 Prozent. Besonders deutlich legte Mentoring zu – von 36 auf 51 Prozent. „Frauenförderung darf nicht an Vorurteilen oder Symbolpolitik scheitern – sie muss im Alltag funktionieren“, fordert Wintergerst.
Die Verantwortung sehen die Unternehmen dabei keineswegs nur bei der Politik. 68 Prozent stimmen zu, dass sie selbst den Frauenanteil in IT- und Digitalberufen erhöhen müssen. Gleichzeitig ist der Ruf nach staatlichem Handeln so laut wie nie: Kein einziges der befragten Unternehmen hält weitere politische Maßnahmen für überflüssig – 2025 waren es noch fünf Prozent. Am häufigsten fordern die Firmen mehr Investitionen in die Betreuungsinfrastruktur mit 71 Prozent, gefolgt von der Förderung des IT-Interesses bei Mädchen und jungen Frauen mit 59 Prozent sowie öffentlichen Role-Model-Programmen mit 57 Prozent. Untermauert werden die Befunde durch Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamts: Nur 18 Prozent der IT-Fachkräfte sind weiblich, im Informatikstudium liegt der Frauenanteil bei 17 Prozent, in IT-Ausbildungen sogar bei nur zwölf Prozent.
Susanne Dehmel, Mitglied im Steuerungskreis der Bitkom-Initiative #SheTransformsIT und der Bitkom-Geschäftsleitung, bringt das Kernproblem auf den Punkt: „Viele Mädchen und Frauen entscheiden sich nicht gegen IT, weil sie es nicht können – sondern weil sie sich dort nicht sehen.“ Das interdisziplinäre Bündnis aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft will genau dort ansetzen – mit sichtbaren Vorbildern, praxisnaher Berufsorientierung und Netzwerken, die Frauen auf ihrem Karriereweg begleiten. Wintergerst fasst zusammen: „Wer digitale Transformation und KI erfolgreich gestalten will, kann es sich nicht leisten, auf die Hälfte der Talente zu verzichten.“ Die Umfrage wurde zwischen Kalenderwoche 50 im Jahr 2025 und Kalenderwoche sechs im Jahr 2026 telefonisch durchgeführt, befragt wurden Führungskräfte, Entscheiderinnen und Entscheider sowie Personalverantwortliche.





















