Symbolbild

In der Corona-Krise ist es gelungen, durch Kurzarbeit und staatliche Unterstützungszahlungen an Unternehmen mehrere Millionen Arbeitsplätze zu sichern. Auf diese Weise konnten Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und gesamtwirtschaftliche Nachfrageeinbrüche verhindert werden, viele Unternehmen können bei Abklingen der Krise mit eingespielten Belegschaften ihre Aktivitäten wieder hochfahren. Auch die Arbeitskosten der deutschen Wirtschaft haben sich im Zeichen der Corona-Pandemie stabil entwickelt.

2020 sind sie um 2,3 Prozent gestiegen und damit etwas schwächer als 2019 (2,4 Prozent). Trotz der weit verbreiteten Kurzarbeit und der im internationalen Vergleich relativ geringen Beschäftigungsverluste war der Zuwachs auch niedriger als im Durchschnitt von EU (2,7 Prozent) und Euroraum (2,6 Prozent). Damit rangiert die Bundesrepublik bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin im oberen Mittelfeld Westeuropas, 2020 auf Position sieben im EU-Vergleich, nach Position sechs im Vorjahr. Das zeigt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Stärker von der Pandemie betroffen waren die Lohnstückkosten, weil die Produktivität durch den zeitweiligen Zusammenbruch von Lieferketten und bei mehreren Millionen Kurzarbeitenden zunächst sank. Die Lohnstückkosten sind im Jahresdurchschnitt 2020 um 4,2 Prozent gestiegen, sinken allerdings seit dem zweiten Halbjahr bei sich erholender Produktivität wieder. Das IMK rechnet im Jahresdurchschnitt 2021 mit einem spürbaren Rückgang der Lohnstückkosten um 2,1 Prozent und 2022 um 1,2 Prozent. Zudem haben die deutschen Lohnstückkosten selbst mit dem vergleichsweise kräftigen Anstieg 2020 im gesamten Zeitraum von 2000 bis 2020 im Jahresmittel nur um 1,4 Prozent zugenommen – langsamer als im Durchschnitt des Euroraums ohne Deutschland (1,6 Prozent) und weitaus weniger als mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (knapp 2 Prozent) vereinbar.

„Diese und viele weitere Daten zeigen: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist ungebrochen hoch. Und unterstützt durch eine engagierte Anti-Krisen-Politik ist sie stark genug, eine Ausnahmesituation wie die Corona-Pandemie ohne große Verwerfungen durchzustehen“, sagt Prof. Dr. Alexander Herzog-Stein, IMK-Arbeitsmarktexperte und zusammen mit Dr. Ulrike Stein Autor der Arbeitskostenstudie. So ging beispielsweise der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz zwar im Corona-Krisenjahr etwas zurück. Er blieb mit 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aber weiterhin sehr groß und verletzte im zehnten Jahr in Folge die ohnehin schon sehr hohe EU-Obergrenze von 6 Prozent. 2021 dürfte er nach der IMK-Prognose wieder um einen Prozentpunkt ansteigen.

Viele internationale Ökonomen und Politiker kritisieren das immense Plus im deutschen Außenhandel als Störfaktor für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Auch der Euroraum weist seit Jahren einen deutlichen Überschuss auf, selbst im Corona-Jahr betrug der Leistungsbilanzüberschuss 2,6 Prozent des BIP. Das IMK sieht auch vor diesem Hintergrund das Risiko einer zu schwachen Lohnentwicklung in Deutschland und im Euroraum nach der Corona-Krise und rät zu einer weiterhin expansiven Geld- und Fiskalpolitik. Denn durch kräftige öffentliche Investitionen und eine insgesamt dynamischere wirtschaftliche Entwicklung ließen sich einerseits die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie besser bewältigen, andererseits würden auch die Einkommen der abhängig Beschäftigten positiv beeinflusst.

Arbeitskosten: Wieder Position sieben in der EU

Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Das IMK nutzt für seine Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat.

Die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft sind 2020 nominal um 2,3 Prozent gestiegen. Das liegt unter dem Durchschnitt von Euroraum (2,6 Prozent) und EU (2,7 Prozent). Diese im Vergleich moderate Zunahme ist nach Analyse der IMK-Experten auch deshalb bemerkenswert, weil die Entwicklung im Corona-Krisenjahr stark davon geprägt war, ob die Länder zur Sicherung von Beschäftigung Lohnsubventions- oder Kurzarbeitsprogramme einsetzten, so wie Deutschland. Wegen unterschiedlicher statistischer Erfassung reduziert Ersteres die Arbeitskosten temporär, während letzteres sie zeitweilig erhöht. Länder mit weit verbreiteter Lohnsubvention wiesen während der Corona-Krise daher sogar fallende Arbeitskosten auf, unter anderem Kroatien, Malta, Irland und die Niederlande.

Mit Arbeitskosten von 36,70 Euro pro Stunde lag Deutschland 2020 an siebter Stelle unter den EU-Ländern hinter Dänemark, Luxemburg, Belgien, Schweden, Frankreich und Österreich (zwischen 46,90 und 36,80 Euro; siehe auch Tabelle 1 in der Studie sowie in der pdf-Version dieser PM; Link unten). Österreich hatte im Vorjahr noch hinter der Bundesrepublik gelegen, weshalb diese nun Position sieben statt sechs aufweist. Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 32,10 Euro. Italien weist mit 29,10 Euro die höchsten Arbeitskosten in Südeuropa auf und liegt etwas über dem EU-Mittel von 28,20 Euro. In den übrigen südlichen EU-Staaten betragen die Arbeitskosten zwischen 22,20 Euro (Spanien) und 13,70 Euro (Malta). Die „alten“ EU-Länder Griechenland und Portugal liegen mittlerweile deutlich hinter dem EU-Beitrittsland Slowenien mit 19,50 Euro. In der Tschechischen Republik, Estland, der Slowakei, Lettland, Kroatien, Ungarn, Polen und Litauen betragen die Stundenwerte zwischen 14,00 und 10,10 Euro. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 7,70 bzw. 6,40 Euro pro Stunde, allerdings bei überdurchschnittlichen Zuwächsen von 4,8 und 6,8 Prozent.

Detailergebnisse: Arbeitskosten bei Industrie und Dienstleistungen

Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2020 die Arbeitskosten in Deutschland 41,60 Euro pro Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich rangiert die Bundesrepublik damit auf Position drei als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt von 34,50 Euro liegen. Dazu zählen auch Dänemark mit industriellen Arbeitskosten von 47,80 Euro, Belgien (44,20 Euro), Schweden (41,20 Euro) sowie Frankreich (39,60 Euro), Österreich (39,30 Euro), die Niederlande (38,50 Euro) und Finnland (36,90 Euro). Dabei ist nicht berücksichtigt, dass das Verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik relativ stark von günstigeren Vorleistungen aus dem Dienstleistungsbereich profitiert (siehe folgenden Abschnitt). 2020 stiegen die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um lediglich 1,0 Prozent und damit deutlich schwächer als im Durchschnitt von EU (2,2 Prozent) und Euroraum (1,9 Prozent).

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2020 mit 34,20 Euro an siebter Stelle nach Dänemark, Luxemburg, Belgien, Schweden, Frankreich und Österreich. In Dänemark lagen die Dienstleistungsarbeitskosten bei 47,00 Euro, der Durchschnitt im Euroraum betrug 31,10 Euro, in der gesamten EU 28,20 Euro. 2020 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 3,1 Prozent. Damit lag der Zuwachs etwas über dem Durchschnitt in der EU (2,9 Prozent) und im Euroraum (2,8 Prozent).

Industrie kann Vorleistungen günstiger einkaufen

In Deutschland ist der Abstand der Arbeitskosten zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungssektor weiterhin größer als in jedem anderen EU-Land, so das IMK. Er reduzierte sich 2020 zwar erneut etwas, am Jahresende lag das Arbeitskostenniveau bei den Dienstleistungen aber immer noch knapp 18 Prozent unter dem im Verarbeitenden Gewerbe. Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Während der Dienstleistungssektor die Industrie hierzulande deutlich entlaste, sei es insbesondere in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern umgekehrt, so die Forschenden.

Lohnstückkostenentwicklung: Langfristig 4,7 Prozentpunkte unter dem Mittel des Euroraums

Auch bei den Lohnstückkosten, die die Arbeitskosten ins Verhältnis zum Produktivitätsfortschritt setzen, weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis Ende 2020 weiterhin eine moderate Tendenz auf. Trotz einer ebenfalls stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren und einer Zunahme um 4,2 Prozent im Jahr 2020 sind sie seit der Jahrtausendwende, als Deutschland eine fast ausgeglichene Leistungsbilanz aufwies, im Jahresmittel um lediglich 1,4 Prozent gewachsen. Das ist schwächer als in den anderen großen Mitgliedsstaaten des Euroraums und weitaus weniger als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar gewesen wäre (siehe auch die Grafik in der pdf-Version dieser PM). Die langfristige deutsche Lohnstückkostenentwicklung seit der Jahrtausendwende lag Ende 2020 laut IMK immer noch um kumuliert 4,7 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt des Euroraums, wo die Lohnstückkosten 2020 um 3,9 Prozent stiegen.

Originalpublikation: Alexander Herzog-Stein, Ulrike Stein: Arbeits- und Lohnstückkostenentwicklung 2020: Im Zeichen von Kurzarbeit und Corona-Pandemie. IMK Report Nr. 170, August 2021. Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-008085

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