Es war eine schwere Entscheidung, die der Homburger Stadtrat gestern Abend zu treffen hatte. Eine Bürgerinitiative möchte hinter dem Reiskircher Friedhof auf einem knapp 5.000 Quadratmeter großen, städtischen  Grundstück eine „Grüne Lunge“ schaffen – doch besteht auf diesem Gebiet bereits ein Bebauungsplan. Am Ende entschieden sich die Ratsmitglieder knapp für Blühwiese und Co. Sie machten es sich jedoch alles andere als einfach.

„Wir haben in der Fraktion intensiv miteinander diskutiert, schließlich gibt es gute Argumente für beiden Seiten.“ Dieser Satz des CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mörsdorf war im Stadtrat so oder so ähnlich von fast allen Fraktionen zu hören. Denn bei der Entscheidung ging es nicht nur um eine einfache Blühwiese. Sondern es ging um eine Grundsatzentscheidung. Nämlich um die Frage, ob im Zweifel Wohnraum vor Umweltprojekten gehen muss.

Dabei wurde das Engagement des Reiskircher Bürgervereins für das Projekt von allen Seiten gelobt. Es sieht neben einer Wildblumenwiese auch Fledermaushöhlen, Vogelkästen und ein Insektenhotel vor. Darüber hinaus sollen die bisherigen Trampelpfade durch das parkähnliche Areal zu befestigten Wegen ausgebaut werden. Kostenpunkt: 19.000 Euro. Doch das finanzielle war im Stadtrat ausnahmsweise mal nicht das Problem, denn die Kosten sind über einen Zuschuss der Lokalen Aktionsgruppe Bliesgau zu 80% gedeckt. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass die städtische Fläche als Bauland ausgewiesen ist. 5-7 Einfamilienhäuser oder 10-15 Doppelhaushälften könnten hier entstehen, wie es der Leiter des städtischen Bauamts, Frank Missy, im Stadtrat vorrechnete.

Das Hauptargument der Gegner des Projekts Blühwiese lautete schließlich auch, dass es in Homburg ohnehin schon kaum verfügbare Flächen für Wohnbebauung gebe. „Man muss einfach ehrlich sagen, dass es in unserer Stadt für junge Familien kaum Möglichkeiten gibt, zu bauen“, gab Mörsdorf zu bedenken. „Deswegen hat sich in unserer Fraktion auch eine Mehrheit gegen das Projekt „Grüne Lunge“ ausgesprochen, auch wenn dieses mit Sicherheit seinen Charme hat.“

Wie verzwickt die Frage ist, wurde dann deutlich, als sich mit Kristina Kulzer-Weber eine Fraktionskollegin von Mörsdorf zu Wort meldete. Die Reiskircher Ortsvertrauensfrau hielt ihrem Fraktionschef entgegen, dass die „wenigen Bauplätze dort uns nicht retten werden.“ Deshalb würden die CDU-Stadträte aus Erbach und Reiskirchen für die „Grüne Lunge“ stimmen. Ähnlich gespalten wie die CDU-Fraktion war auch die Freie Wählergemeinschaft (FWG), deren Fraktionsvorsitzender Thorsten Bruch sagte, dass seine Fraktion nicht einheitlich abstimmen werde. „Die Initiative des Bürgervereins ist toll. Aber auf der anderen Seite ist das eben auch eine wichtige Fläche mitten in Reiskirchen.“

Auch die Grünen waren sich untereinander nicht einig. Laut Fraktionschef Prof. Marc Piazolo sei zwar die Mehrheit in seiner Fraktion für das Projekt des Bürgervereins. „Die Aufwertung der Grünfläche schafft schließlich die Möglichkeit, das Areal als Begegnungsort weiterzuentwickeln.“ Doch seine Fraktionskollegin Yvette Stoppiera-Wiebelt, ihres Zeichens Umweltbeigeordnete der Stadt, goss ordentlich Wasser in den Wein. „In Homburg gibt es kaum noch Möglichkeiten zur Wohnbebauung. Wir müssen schauen, dass wir eine aktive Stadtplanung betreiben können und dafür ist diese Fläche wichtig.“ Ansonsten bestünde die Gefahr, dass im Außenbereich Wohngebiete entstünden. „Und gerade diese Außenbereiche müssen wir schützen.“

Auch Jörg Kühn, FDP,  wies darauf hin, dass in Reiskirchen die Möglichkeit bestünde, selbst die Initiative zu ergreifen und Wohnraum für Familien zu schaffen. „Ansonsten wandern die Menschen in Richtung Pfalz aus und fahren mit dem Auto auf die Arbeit nach Homburg. Das ist auch nicht gut für die Umwelt. Daher sind wir für eine Bebauung.“

Geschlossen für die „Grüne Lunge“ stimmten SPD, AfD und Linkspartei. „Auch mit Blick auf die Verkehrslage in Reiskirchen, wollen wir den Bürgern dort diese Grünfläche erhalten“, nahm SPD-Fraktionschef Wilfried Bohn Bezug auf die Pläne, bei Reiskirchen den Autobahnanschluss Ost zu bauen, der zu deutlich mehr Verkehr im Ort führen dürfte.

Der AfD-Fraktionsvorsitzende Markus Loew stellte sich ebenfalls hinter die Pläne des Reiskircher Bürgervereins. „Wir wissen zwar auch, dass Bauplätze Mangelware sind. Aber letztlich sollten im Zweifel die Interessen der Bürger vor Ort den Ausschlag geben.“ Barbara Spaniol, Fraktionschefin der Linkspartei, betonte den großen Rückhalt der Bürger für das Projekt. „Dieser und die Möglichkeit einer Begegnungsstätte haben uns davon überzeugt, hier zuzustimmen.“ Das taten schließlich 27 Ratsmitglieder, bei 18 Nein-Stimmen und 3 Enthaltungen.

Erwartungsgemäß zeigte sich der Vorsitzende des Bürgervereins, Lothar Schackmar, im HOMBURG1-Gespräch erfreut über dieses Ergebnis. „Da fällt uns natürlich ein Stein vom Herzen.“ Nun warte man noch auf die schriftliche Genehmigung der Stadt. „Und dann kann‘s losgehen!“

 

 

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