Die Stromnetze in Deutschland stoßen an ihre Grenzen. Immer mehr Regionen können neue Anschlussanfragen von Unternehmen, Rechenzentren oder Betreibern erneuerbarer Energien schlicht nicht mehr bedienen. Vor diesem Hintergrund verlangt der Energieverband BDEW nun, das von der Bundesregierung angekündigte Verteilnetzpaket konsequent auf eine Sache auszurichten: den schnelleren Ausbau der Netze.
„Leistungsfähige Verteilnetze sind die Grundlage für industrielle Wertschöpfung, Digitalisierung und die Elektrifizierung von Verkehr und Wärmeversorgung“, betont Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Doch genau hier liegt das Problem: Die Nachfrage nach Anschlüssen wächst weit schneller, als neue Infrastruktur entstehen kann. Vielerorts gelten die Netze in den höheren Spannungsebenen bereits als „ausverkauft“.
Besonders ins Gewicht fallen die langen Zeiträume, die ein Ausbau des Hochspannungsnetzes erfordert. Solche Projekte ziehen sich laut Andreae häufig über zehn bis fünfzehn Jahre hin. „Das ist einfach zu lang“, stellt sie klar. Industrie, Ladeinfrastruktur, Speicher und erneuerbare Energien bräuchten verlässliche Anschlüsse, doch die mühsamen Planungs- und Genehmigungsverfahren werden zum Bremsklotz.
Das aktuelle Netzanschlusspaket bewertet der Verband zwar positiv. Es bringe mehr Transparenz, regele die Vergabe knapper Netzkapazitäten und die Nutzung von Flexibilitäten. „Das ist gut und muss jetzt verabschiedet werden. Es reicht aber nicht“, so Andreae. Entscheidend sei nun eine Reform des Rechtsrahmens, die den Ausbau spürbar beschleunigt. Den im Koalitionsbeschluss vom 2. Juli 2026 verankerten Anspruch, die Genehmigungszeiten zu halbieren, begrüßt der BDEW ausdrücklich.
Dass die Branche selbst investiert, steht außer Frage. Allein die 82 großen Verteilnetzbetreiber veranschlagen bis 2033 rund 110 Milliarden Euro für zusätzliche Kapazitäten. Damit dieses Geld zügig in reale Leitungen und Umspannwerke fließen kann, fordert der Verband einfachere Genehmigungsverfahren, frühzeitig gesicherte Flächen und verlässliche Finanzierungsbedingungen.
Parallel setzen die Netzbetreiber auf Digitalisierung und flexible Anschlusskonzepte, um die vorhandene Infrastruktur besser auszulasten. Doch Andreae macht deutlich, dass Optimierung kein Ersatz für den klassischen Ausbau ist: Auch ein gut genutztes Netz benötige zusätzliche Leitungen, mehr Umspannwerke und neue Transformatoren.
Konkret nennt der Verband mehrere Hebel. So sollen bestehende Trassen leichter verstärkt und 110-kV-Ersatzneubauten bis zu einer Länge von 60 km von der Umweltverträglichkeitsprüfung ausgenommen werden. Bund und Länder sollen einheitliche Standards für Antragsunterlagen schaffen und die Behörden personell stärken. Flächen für Leitungen und Umspannwerke müssten verbindlich in der Raumordnung berücksichtigt werden.
Für Diskussionsstoff dürfte vor allem eine Forderung sorgen: Der BDEW will den Vorrang der Erdverkabelung streichen und es den Netzbetreibern selbst überlassen, ob sie Leitungen unterirdisch oder als Freileitung bauen. Hinzu kommt der Wunsch nach einer im internationalen Vergleich wettbewerbsfähigen regulatorischen Verzinsung, damit die Unternehmen ausreichend Kapital gewinnen können. Der Maßstab für jede neue Regelung müsse sein, so Andreae, dass Netzkapazitäten schnell und effizient verfügbar werden.



















