Ein volles Haus, gespannte Stille vor der ersten gelesenen Zeile, später angeregte Gespräche zwischen Bücherregalen: Das St. Ingberter Literaturforum hat auch 2025 gezeigt, welche Anziehungskraft Literatur in der Stadtbücherei entfalten kann. ILF-Sprecher Jürgen Bost zieht zum Jahresende eine positive Bilanz – trotz mancher Widrigkeit im Veranstaltungsbetrieb.
Zum Auftakt des Jahres setzte das Literaturforum einen deutlichen inhaltlichen Akzent. Eine zweisprachige Lesung aus Heinrich Manns Jahrhundertroman „Der Untertan“ eröffnete den Reigen der Veranstaltungen. Die Schauspieler Birgit Giokas und Alphonse Walter präsentierten den als prophetisch geltenden Text in zwei Sprachen und legten damit einen Schwerpunkt auf politische und gesellschaftliche Fragen. Diesen Faden nahm der Abend mit dem Journalisten Christoph Pauly auf, der seinen Roman „Die Laune der Götter“ vorstellte. Das Buch vereint Erfahrungen aus Europa und Asien und richtet den Blick auf die Bedrohung moderner Demokratien.
Eng eingebunden waren auch die St. Ingberter Buchhandlungen, mit denen das Literaturforum zwei Soireen organisierte. Auf Initiative der Buchhandlung Klein stellte die Psychotherapeutin Evelyne Severing ihren Erzählband „Psychoanalyse und andere Erzählungen“ vor, begleitet von einer musikalischen Umrahmung. Kulinarisch wurde es bei einer weiteren Kooperation: Die Buchhandlung Friedrich holte die bekannte Autorin Marie Lacrosse zur Vorpremiere ihres Paris-Romans „Montmartre – Licht und Schatten“ ins Restaurant Jérôme. Dort trafen Schreib- und Kochkunst aufeinander und verbanden Literatur mit einem besonderen gastronomischen Rahmen.
Für leichtere Töne sorgten Kabarett und Komik. Das Pfälzer Duo „The Reading Heads“ brachte mit Kuriositäten und humorvollen Texten eine andere Facette der Literatur auf die Bühne. In der Nacht der Bibliotheken trat das „Sankt Swingbert Quartett“ auf und kombinierte altbewährte Popstandards mit aktuellen satirischen Texten. Im Rahmen der bewährten Kooperation mit der KEB Saarpfalz stand zudem das Rilke-Jahr im Mittelpunkt: Unter dem Titel „Die Freiheit des Panthers“ wurde im Kulturhaus Annastraße eine szenische Lesung realisiert. Die beiden Akteure Stefan Schwarzmüller und Andreas Kuhn präsentierten dort berührende Texte und zeichneten den verschlungenen Lebensweg Rainer Maria Rilkes nach, eines der herausragenden Autoren der literarischen Moderne.
Ganz reibungslos verlief das Jahr allerdings nicht. Wegen der zeitweiligen Schließung der Stadtbücherei mussten einzelne Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Umso bemerkenswerter war die Rückkehr zum gewohnten Veranstaltungsort, als mit Nicole Wellemin eine bekannte Schriftstellerin in der Stadtbücherei zu Gast war. Die bayerische Autorin las aus ihrem Roman „Das Echo der Moore“ und erzählte eine bewegende Geschichte über Entfremdung und Versöhnung zweier Schwestern, mit der sie das Publikum sichtlich erreichte.
Das Jahr 2025 brachte dem St. Ingberter Literaturforum auch schmerzhafte Verluste. Mit der kurz vor ihrem 86. Geburtstag verstorbenen Schauspielerin Ursula Ochs-Steinfeld fehlt eine prägende Stimme, deren Sprechkunst viele Lesungen getragen hat. Ebenso wird die 2025 im Alter von 96 Jahren verstorbene Germanistin Gabriele Oberhauser vermisst, die als Mitgestalterin des Projekts Literaturland Saar eng mit der literarischen Szene verbunden war und dem Forum wichtige Impulse gegeben hatte.
Nach einer Winterpause soll das Programm des Literaturforums fortgesetzt werden. Geplant sind weitere Autorenbegegnungen und Buchvorstellungen, ganz im Sinne von Fred Oberhauser, der das St. Ingberter Literaturforum im Herbst 1981 gründete. Seit fast 45 Jahren lockern die Lesungen den Alltag in der Stadtbücherei auf und tragen dazu bei, ihr das Profil einer lebendigen Kultureinrichtung zu geben. „Gerade auswärtige Gäste rühmen sie oft als facettenreichen kulturellen Treffpunkt“, so ILF-Sprecher Jürgen Bost abschließend.





















