Symbolbild

Eine von fünf Personen glaubt Fehlinformationen über Corona. Wer dafür besonders anfällig ist, lässt sich aus dem generellen Umgang der Person mit Informationen ableiten – und sogar vorhersagen. Das zeigt eine Studie, die unter der Leitung von Dr. Dr. Marco Meyer von der Universität Hamburg entstanden ist. Im Online-Selbsttest, der auf den Forschungsergebnissen beruht, kann jede und jeder sich selbst überprüfen.

Knapp 20 Prozent der US-Bevölkerung glaubt falsche Behauptungen über das Coronavirus wie beispielsweise, dass Händetrockner das Virus abtöten können oder dass es durch Stubenfliegen übertragen wird. Die Frage, wer besonders anfällig für solche Mythen ist, lässt sich aufgrund bisher bekannter Faktoren wie der politischen Identität, dem Bildungsgrad, der Intelligenz, der Persönlichkeit oder demografischen Faktoren kaum beantworten. Ein Team aus Wissenschaftlern der Universität Hamburg, der Macquarie University in Australien und der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden hat nun eine Antwort gefunden. Es hat dabei einen neuen Erklärungsansatz verfolgt: den der epistemischen Laster. Die Studie wurde im Fachjournal „Episteme“ veröffentlicht.

Epistemische Laster sind Charaktereigenschaften, die den Erwerb, die Erhaltung und die Weitergabe von Wissen behindern können. Dazu gehören zum Beispiel Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit oder Starrheit in Bezug auf die eigenen Glaubensgrundsätze. In der Philosophie spielt die Vorstellung der epistemischen Laster eine große Rolle. Doch bisher wurde erst selten versucht, empirische Bestätigungen für deren Bedeutung im Umgang mit Wissen zu erbringen. „Eine Motivation zu unserer Studie war es, die Rolle epistemischer Laster bei der Bewertung von Informationen generell zu untersuchen. Dazu bietet die Corona-Pandemie eine einzigartige Gelegenheit“, erklärt Marco Meyer, der einen Doktorgrad in Philosophie und einen Doktorgrad in Wirtschaftswissenschaften hält. An der Universität Hamburg leitet er eine Nachwuchsforschungsgruppe und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Ethik.

Die Wissenschaftler haben ihre These an 998 US-Amerikanerinnen und Amerikanern überprüft. Dazu ließen sie die Teilnehmenden ihre Neigung zu epistemischen Lastern zum einen selbst einschätzen. Zum anderen führten sie eine Beobachtungsstudie durch, in der sie den Grad der epistemischen Lasterhaftigkeit mithilfe einer neu entwickelten Skala maßen. In einem dritten Schritt fragten sie die Probandinnen und Probanden gezielt nach ihrem Glauben an Mythen und Fehlinformationen über Covid-19. „Wir haben herausgefunden, dass Menschen, die nicht auf Corona-Fehlinformationen hereinfallen, zwei Eigenschaften gemeinsam haben: Sie sind erstens neugierig und zweitens in der Lage, ihre Ansichten zu ändern, wenn sie auf vertrauenswürdige Quellen stoßen, die ihren bisherigen Annahmen widersprechen“, so Meyer.

Betrachtet man die Neigung zu epistemischen Lastern, lässt sich doppelt so gut vorhersagen, ob eine Person an Corona-Mythen glaubt als dies aufgrund von Faktoren wie der politischen Identität, dem Bildungsgrad, der Persönlichkeit oder demografischen Aspekten wie beispielswiese Alter, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit möglich wäre.
Die Studie stützt also die These, dass epistemische Laster generell die Aneignung von Wissen behindern. „Aus den Erkenntnissen könnte man individuellere Ansprachen und Methoden entwickelt, wie Menschen ihre epistemische Starrheit oder Gleichgültigkeit überwinden können, zum Beispiel durch pädagogische Interventionen“, erklärt Mayer. Dies biete einen Ansatz, dem Glauben an Fehlinformation und Verschwörungsmythen langfristig entgegenzuwirken.

Bin ich epistemisch laster- oder tugendhaft? Und was sagt dies über meine Anfälligkeit für Corona- Mythen aus? Die Forschungsfragen der Wissenschaftler zum Ausprobieren und mit anschließender Auswertung (englisch) finden Sie auf den Internetseiten der Universität Hamburg unter www.philosophie.uni-hamburg.de

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