Markus Heitz bei seiner Lesung im Gymnasium Johanneum in Homburg - Foto: Stephan Bonaventura
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Dienstag, 9. September, 11:30 Uhr. In der großen, bunten Aula des Gymnasiums Johanneum sitzen rund 150 Schüler der 6. Jahrgangsstufe und statt Pausenraunen liegt eine aufmerksame Stille in der Luft. Auf der Bühne: Markus Heitz, Bestsellerautor, Historiker, ehemaliger Abiturient der Schule. Der Gong klingt, sagt er lächelnd, noch „genau wie früher“. Das Eis ist direkt geschmolzen.

„Hier spielt’s“: Hohenburg = Homburg

Heitz stellt hier als „Weltpremiere“ sein neues Buch „Irida und die Stadt der Geheimnisse“ vor – und erklärt auch gleich die zentrale Idee dahinter: Hohenburg ist Homburg, nur einen Hauch verschoben. Die Schlossberghöhlen blinzeln vom Cover, Schwarzenacker kehrt als „Schwarzacker“ wieder, die Freilichtbühne Rabenhorst bekommt einen zweiten Auftritt in der Literatur. Grundlage sind Sagen und Legenden aus Karl Lohmeyers Sammlung, deutscher Kunsthistoriker aus Saarbrücken, die Heitz nicht abschreibt, sondern aktualisiert: echte Orte, heutige Kinder, alte Mythen – und dazwischen der Raum fürs Fantastische. Er zeigt auf Folien Orte, die man besuchen kann – Lagerstraße, römische Ausgrabungen, Waldbühne, Einöd mit den Schlangenhöhlen (heute Fledermaus-Schutzgebiet). Die Botschaft an die Sechstklässler ist schlicht: Geschichten liegen vor der Haustür.

Foto: Stephan Bonaventura

Die Furchtlosen: Figuren mit Kontur

Kurzporträt der Bande: Irida, 14, hinkt und stottert, wenn sie nervös wird, ist dafür auffallend stark. Cedric, K-Pop-Fan mit eigenem Kanal. Jeremy, neu in Homburg, ringt mit der Sprache und erfindet nebenbei liebenswerte Wortschöpfungen. Jinjin, das Sagenlexikon. Dazu Onkel Ardo, silberhaariger Tüftler und Sammler – der Erwachsene, der nicht bremst, sondern Türen aufmacht. Keine Helden aus dem Katalog, sondern Kinder mit Eigenheiten.

Lesung ohne Leerlauf

Der gebürtige Homburger Markus Heitz macht mit knappen Einordnungen in mehreren Passagen – stets so gesetzt, dass Fragen im Kopf bleiben – Appetit auf mehr. Eine nächtliche Szene auf einem Feld, eine Spurensuche in der Villa Sonderbar, ein Legenden-Motiv um Schlüssel und Ritter: genug, um die Fantasie zu zünden, ohne den Plot zu verraten. Bemerkenswert: Kein Gezappel. Die Kinder hören fokussiert zu; als er stoppt, schnellen die Arme hoch.

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Foto: Stephan Bonaventura
Foto: Stephan Bonaventura

Die Fragen der Kinder – und was sie verraten

Was die Sechstklässler interessiert, ist handfest – und oft klüger, als so manche Abendrunde. Hier ein Auszug:

Wie und wo kommt man auf diese Ideen?

„Überall“, sagt Heitz. Geschichte liefere Stoff (er mochte sie schon in der Schule), Gespräche, Orte, Zeitungsnotizen. Er habe immer ein Notizbuch dabei – und zwei Stifte: Kugelschreiber und Bleistift. Warum? „Der Bleistift schreibt bei jeder Temperatur. Das Handy kann ausfallen, Tinte auch.“

Musstest du die Schauplätze wirklich ansehen?

Ja. Er sei an allen Orten gewesen, die im Buch auftauchen – auch an den Stationen des zweiten Bandes rund um Wörschweiler. Recherche heißt hier: hinfahren, gucken, Notizen machen.

Warum sieht das Cover so aus?

Weil er das Saarland sichtbar machen will. Zeichnen könne er nicht, sagt Heitz trocken. Also habe er dem Verlag Bilder und genaue Beschreibungen geliefert; das Cover entstand dann gemeinsam mit einem Illustrator und der Redaktion.

Foto: Stephan Bonaventura

Wie sehen die Figuren „in echt“ aus?

„Ungefähr wie auf dem Umschlag“, aber am liebsten über Textbilder: Im Buch steht früh, wie sie gehen, reden, sich kleiden. „Der Rest gehört eurer Vorstellung.“

Wie lange dauert es ein Buch zu schreiben?

Schreiben geht bei ihm schnell – der erste Durchgang für Irida in etwa einem Monat –, aber danach beginnt die eigentliche Strecke: mehrere Überarbeitungen, dann wandert das Manuskript zum Verlag. Dort folgen Feinschliff, Layout, Umschlag, Druckvorbereitung, Marketing, Druck, Auslieferung. Kurz: „Ein Buch braucht Zeit, bis es im Laden liegt.

Seit wann schreibst du?

Seit dem 14. Lebensjahr – angefangen hat alles mit Kurzgeschichten. Erst 2002 erschien das erste Buch, seit 2004 lebt er vom Schreiben. Dazwischen: Germanistik und Geschichte (erst Lehramt mit Pädagogikum, dann Magister) und Jahre als Lokaljournalist bei der Saarbrücker Zeitung.

Warum spielt ein Teil in Norwegen?

Weil auch dort Sagen und Wesen warten, die in Iridas Welt Sinn machen. Mehr verrät er den Kindern nicht – Ahnung statt Auflösung und natürlich, wie er immer an dieser Stelle betont, „aus dramaturgischen Gründen“.

Verkaufst du Bücher hier?

Nein – dafür braucht es Buchhändler. Die Schulbibliothek bekommt das Buch sofort, und wer kaufen will, bekommt es überall im Handel.

Foto: Stephan Bonaventura

Schreibanstoß: die „Homburger Schreibfeder“

Zum Schluss schlug Heitz gemeinsam mit der Schulleitung den Bogen zur Homburger Schreibfeder – einem Wettbewerb für die Klassenstufen 5 bis 7. Gesucht sind Geschichten, die in Homburg wurzeln: eigene Märchen, Sagen oder Legenden, ob frei erfunden oder neu erzählt. Einsendeschluss ist der 31. Oktober. Wichtig sei nicht die perfekte Form, betonte Heitz, sondern der Mut, sich auf Sprache einzulassen. „Hauptsache, ihr erzählt“, gab er den Schülern mit – und man spürte, dass einige im Saal schon damit begannen, ihre eigenen Ideen im Kopf zu ordnen.

Als er das Mikro ablegt, stürmen die Kinder die Bühne – freundlich, geordnet, aber mit echter Ungeduld. Karten, Bücher, Zettel: Widmungen werden gesammelt wie Trophäen. Heitz nimmt sich Zeit, macht Witze, gibt kurze Tipps. Und während draußen auf den Fluren Pause ist, bleibt es im Gebäude leise – ungewöhnlich leise. Respekt, den man hier an jeder Stelle spürte. Ein Detail, das man erwähnen sollte: Leon am Mischpult. Er hat den Ton der Lesung ruhig und präzise gefahren – und gezeigt, wie viel Können auch hinter der Kulisse steckt.

Foto: Stephan Bonaventura
Foto: Stephan Bonaventura

Was bleibt

Eine Unterrichtsstunde, die länger nachhallt als 45 Minuten. Kinder, die fragen und zuhören. Ein Autor, der die Region, seine eigene Heimat ernst nimmt und sie ganz groß rausbringt. Und die Gewissheit, dass es mit Irida schnell weitergeht: Band 2 kommt im Januar, an Band 3 wird gerade geschrieben – Veröffentlichung im Sommer. Wer an diesem Vormittag dabei war, hat eine einfache Lektion mitgenommen: Fantasie ist kein Schulfach – aber sie braucht Übung. Und manchmal reicht ein Notizbuch, ein Bleistift und der Blick auf eine ganz normale Straße, z.B in Homburg.

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Alle Bilder von der Veranstaltung:

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