Maschinen das Sehen beibringen – und zwar so, dass sie das Gesehene auch tatsächlich begreifen: An dieser Mammutaufgabe arbeitet Jan Eric Lenssen. Seit dem 22. Juni ist der Informatiker offiziell Professor an der Universität des Saarlandes. Wissenschaftsminister Jakob von Weizsäcker überreichte ihm die Ernennungsurkunde. Lenssen, bislang am Max-Planck-Institut für Informatik auf dem Saarbrücker Campus tätig, verstärkt damit den Saarland Informatics Campus.
Die Herausforderung, vor der er steht, ist gewaltig. Während heutige KI-Systeme mit Texten und klar abgrenzbaren Daten souverän umgehen, stoßen sie in der physischen Welt schnell an Grenzen. Hier fließen Informationen kontinuierlich, verändern sich permanent, sind nie ganz dieselben. Sensordaten, Bewegungen von Menschen, dreidimensionale Szenen – all das lässt sich eben nicht in einfache, zählbare Einheiten zerlegen.
Genau an dieser Schnittstelle setzt Lenssens Forschung an. Er entwickelt Methoden, mit denen neuronale Netze kontinuierliche Repräsentationen verarbeiten können, sei es aus Videos, Zeitreihen oder räumlichen Sensordaten. Die Maschine soll komplexe Strukturen nicht nur erkennen, sondern modellieren, durchdenken und sogar selbst erzeugen können. Für die Robotik, für generative KI und für die Bildverarbeitung ist dieses Feld von zentraler Bedeutung – nicht zuletzt mit Blick auf humanoide Roboter, die sich eines Tages in unserer Umgebung bewegen sollen.
In der Fachwelt einen Namen gemacht hat sich der neue Saarbrücker Professor unter anderem mit PyTorch Geometric, kurz PyG. Diese Software-Bibliothek für graphenbasierte neuronale Netze entstand während seiner Promotion an der TU Dortmund und ist heute weltweit das meistgenutzte Werkzeug ihrer Art. Unzählige Forschungsprojekte und industrielle Anwendungen bauen darauf auf. Auch das kalifornische Start-up kumo.ai, das maschinelles Lernen für relationale Datenbanken entwickelt, stützt sich auf diese Grundlage. Lenssen gehörte zum Gründungsteam in Mountain View.
Am Saarland Informatics Campus will er sein international vernetztes Forschungsprofil nun weiter ausbauen. Anschluss an die globale Spitze findet seine Arbeit über das gemeinsame Forschungszentrum von Max-Planck-Institut und Google sowie über das langjährige Kooperationsprogramm zwischen Intel und dem Saarland. Damit ist die Brücke zur Industrie ebenso geschlagen wie zur internationalen Wissenschaftscommunity.
Ausgezeichnet wurde Lenssen für seine Arbeit mehrfach. 2025 erhielt er den DAGM German Pattern Recognition Award sowie ein Emmy-Noether-Stipendium, das mit einer Förderung von rund 1,9 Millionen Euro verbunden ist. Hinzu kommen prominente Würdigungen auf den weltweit wichtigsten Konferenzen für Computer Vision und maschinelles Lernen: eine Best-Paper-Auszeichnung bei der ECCV 2022 und eine Best-Paper-Nominierung bei der CVPR 2020. Seine Dissertation wurde mit dem ECVA PhD Award und dem Dissertationspreis der TU Dortmund honoriert.
Der Werdegang hinter diesen Erfolgen liest sich geradlinig. Von 2009 bis 2015 studierte Lenssen Informatik an der TU Dortmund und schloss mit Auszeichnung ab. 2022 folgte dort die Promotion mit der Bestnote summa cum laude. Forschungsaufenthalte führten ihn zu Meta Reality Labs in den USA und zum Schweizer KI-Unternehmen nnaisense, ehe er 2021 bei kumo.ai einstieg. Anschließend forschte er als Postdoktorand, später als Senior Researcher und Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken. Diesem bleibt er auch nach seiner Ernennung als assoziiertes Mitglied verbunden.

















