Die letzte Chefarztsitzung, die letzte Stationsleitersitzung, der letzte Einführungstag für neue Kolleginnen und Kollegen: Für Myriam Weis reihte sich in den vergangenen Wochen ein Abschied an den nächsten. Nach mehr als 30 Jahren auf dem Winterberg beginnt für die stellvertretende Pflegedirektorin nun die Altersteilzeit. Besonders spürbar wurde der Einschnitt dort, wo es um die Zukunft ging. „Wenn ich mit Kollegen über Vorhaben spreche, die bald umgesetzt werden sollen, merke ich plötzlich: Wenn es so weit ist, sitze ich gar nicht mehr mit am Tisch“, sagt die 63-Jährige.
Zwischen all den letzten Malen steht nun ein erstes Mal: der erste Tag ohne Fahrt zum Winterberg. Ungewohnt sei dieser Gedanke, räumt sie offen ein. „Ich werde mir neue Strukturen schaffen“, kündigt sie an, um lachend hinzuzufügen: „Vielleicht mache ich auch einfach mal gar nichts.“ Dass es dabei bleibt, glaubt sie selbst nicht. Weis läuft, tanzt, schwimmt und wandert, fährt Ski und reist gern. Dazu kommen ein großer Freundeskreis und eine große Familie. Gemeinsam mit ihrem Mann nahm sie bereits vor längerer Zeit ihre Schwiegermutter zur Pflege bei sich auf – eine Erfahrung, aus der sie viel Positives zieht. „Es ist wertvoll, mit älteren Menschen zu sprechen. Sie bringen eine Perspektive mit, die uns sonst manchmal fehlt.“
Ihr Weg auf den Berg begann 1996. Die gelernte Krankenschwester arbeitete damals bereits seit zehn Jahren im Beruf und hatte einen achtjährigen Sohn. Teilzeitstellen im Tagdienst waren seinerzeit kaum zu finden. Dass der Winterberg als eines der ersten Krankenhäuser Leitungsfunktionen in Teilzeit ermöglichte, gab für sie den Ausschlag. Auf der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie-Station bildete sie sich zur Stationsleitung weiter und übernahm dort bald die stellvertretende Leitung. „Ich wollte Verantwortung übernehmen und etwas bewirken“, erinnert sie sich.
2002 folgte der nächste Schritt in die Strahlenklinik, wo Patienten mit Prostata- oder Gebärmutterkrebs sowie Hirntumoren behandelt wurden und das Dosimeter zum ständigen Begleiter gehörte. Dort begegnete sie auch ihrem späteren Mann Joachim Weis, damals Facharzt in der Abteilung. 2004 heirateten die beiden. Getrieben wurde Weis stets vom Wunsch nach Neuem. „Wenn es nichts mehr zu lernen gibt, werde ich unruhig. Ich brauche immer einen Plan B, am besten mehrere.“ Diese Lust auf Veränderung zeigt sich auch sichtbar: Im Haus ist sie für farbige Kleidung und wechselnde Frisuren bekannt. „St) Ständig immer dasselbe ertrage ich nicht“, sagt sie und lacht.
So absolvierte sie berufsbegleitend die Weiterbildung zur Qualitätsmanagementbeauftragten, wechselte für drei Jahre ins QM und qualifizierte sich parallel zur Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen. „Erst dort habe ich wirklich verstanden, was ein Krankenhaus im Innersten zusammenhält“, sagt sie rückblickend. Zwischen 2010 und 2013 reizte sie der Wechsel in ein kleineres Haus, wo sie eine Leitungsstelle für Innere Medizin, Chirurgie und Belegungsmanagement übernahm – ein Neuanfang mit anderen Systemen, der ihr nach Jahren fester Verwurzelung auf dem Berg gutgetan habe.
Eine Zufallsbegegnung führte sie 2013 zurück: Weis erfuhr von einer freien Stelle in der Pflegedienstleitung und wurde rund ein Jahr später stellvertretende Pflegedirektorin. Gemeinsam mit Pflegedirektor Hagen Kern baute sie neue Strukturen auf, darunter die Bereichsleitungen. „Uns war wichtig, dass Leitung nicht nur vom Schreibtisch aus stattfindet“, erklärt sie. Die Arbeit am Patientenbett vermisst sie heute nicht, Nachtdienste schon gar nicht: „Ich habe Nachtdienste gehasst und nie gut vertragen.“
Ein besonderes Anliegen war ihr zuletzt die Personalgewinnung. Vorstellungsgespräche führte sie gern selbst und setzte auf schnelle, verbindliche Rückmeldungen. Dabei verließ sie sich nicht allein auf Zeugnisse, sondern oft auf die Kleinigkeiten – und auf ihr Bauchgefühl. „Ich beobachte genau. Ich liege selten daneben.“ Nach 45 Berufsjahren geht Weis nun nicht ganz ohne Wehmut, aber mit Vorfreude auf Sport, Reisen, Familie und Freunde. Und eine weitere optische Veränderung steht bereits fest, deren Ergebnis sie noch nicht verrät. „Es beginnt etwas Neues“, sagt sie. „Und darauf freue ich mich.“



















