Zwei Frauen, zusammen fast ein Jahrhundert Berufserfahrung – und am Ende dieselbe Sorge: Wie soll es weitergehen? Für Katrin Lauer, Stadtverbandssprecherin der Grünen in Homburg, sind diese Begegnungen beim Einkaufen zum Anlass geworden, über Altersarmut, berufliche Unsicherheit und den Wert persönlicher Beratung nachzudenken. „Wer ein Leben lang arbeitet, muss im Alter in Würde leben können“, lautet ihr Appell.
Lauer, gebürtige Homburgerin und Physiotherapeutin, kauft nach eigenen Worten bewusst vor Ort ein. Viele Geschäfte der Stadt kennt sie seit Jahrzehnten. Für sie geht es dabei um mehr als Konsum: um Begegnung, um persönliche Beratung, um Arbeitsplätze und um urbanes Leben. Bei ihrer jüngsten Einkaufstour sprach sie vor allem mit Frauen – und zwei Gespräche ließen sie nicht mehr los.
Eine ihrer langjährigen Lieblingsverkäuferinnen ist 62 Jahre alt. Seit 47 Jahren steht sie im Berufsleben, arbeitet trotz schwerer Erkrankung und eines anerkannten Grades der Behinderung von 80 weiterhin in Vollzeit. Freundlich, empathisch, fachlich versiert – und doch bangt sie um ihren Lebensabend. Die Rente werde voraussichtlich nicht reichen, die körperliche Belastung der Vollzeitarbeit aber kann sie nicht mehr lange tragen. Für Lauer wirft das eine grundsätzliche Frage auf: Wie kann ein Mensch nach fast fünf Jahrzehnten Arbeit vor einer solchen Zwickmühle stehen?

Die zweite Begegnung fand im Kaufhaus Brinkmann statt, einem Homburger Traditionsgeschäft, das am 28. Februar 2027 schließen soll. Das Sortiment reicht von Damen- und Herrenbekleidung über eine umfangreiche Wäscheabteilung bis zu Haushaltswaren, Wolle, Strümpfen und Geschenkartikeln. Viele Menschen kaufen dort seit Jahrzehnten ein. Doch Lauer geht es um mehr als Ware: um Verkäuferinnen, die ihre Kundschaft seit Jahren kennen, kompetent beraten und ein Gespür für die Menschen vor ihnen haben. Diese gewachsenen Beziehungen, so ihre Überzeugung, lassen sich nicht durch einen Klick im Internet ersetzen.
Eine Verkäuferin dort ist 60 Jahre alt. Sie hatte gehofft, ihre letzten Berufsjahre bis zur Rente bei Brinkmann zu verbringen. Sie hat Kinder großgezogen und war ihr Leben lang berufstätig. Nun verliert sie ihren Arbeitsplatz – und damit ein Stück Lebensplanung. Ein vorzeitiger Renteneintritt wäre mit erheblichen Abschlägen verbunden, davon könne sie nicht leben. Also orientiert sie sich noch einmal neu und absolviert mit 60 Jahren ein Praktikum in einem Pflegeheim, in der Hoffnung, dort als Betreuungskraft eine Perspektive zu finden.
Für Lauer sind das keine abstrakten Zahlen, sondern Lebensgeschichten, die ein strukturelles Problem sichtbar machen. Frauen verdienten häufig weniger, übernähmen einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit und hätten deshalb oft geringere Rentenansprüche. Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Teilzeit und gesundheitliche Einschränkungen wirkten sich über Jahrzehnte auf die finanzielle Absicherung aus.
Von der Bundespolitik erwartet die Kommunalpolitikerin eine gerechtere Alterssicherung, faire Löhne und eine bessere Anerkennung der Sorgearbeit. Vom Land fordert sie gute Arbeitsbedingungen und echte Perspektiven für ältere Beschäftigte. Und auch Homburg sieht sie in der Pflicht: Zwar könne man vor Ort nicht alle Probleme lösen, aber zuhören, Missstände sichtbar machen und den Druck auf höhere Ebenen erhöhen.
„Zuhören gehört zu meinem Beruf als Physiotherapeutin. Und es gehört für mich genauso zur Politik“, sagt Lauer. Sie liebe ihre Stadt und wünsche sich, dass Homburg ein Ort bleibe, an dem Menschen gerne leben und arbeiten. Ihr Fazit ist unmissverständlich: Die Lebensleistung von Frauen müsse mehr zählen, ein Leben in Würde dürfe keine Frage des Geldbeutels sein. „Darüber müssen wir reden. Und wir müssen endlich handeln.“




















