Nicht China, nicht Russland und auch nicht die populistischen Bewegungen tragen die Hauptschuld an der Schwäche der westlichen Demokratien – die eigentliche Ursache liegt in diesen Gesellschaften selbst. Diese provokante These vertrat der Journalist und Sachbuchautor Ferdinand Knauß bei einer gut besuchten Buchpräsentation in der St. Ingberter Stadtbücherei.
Eingeladen hatte das St. Ingberter Literaturforum. ILF-Sprecher Jürgen Bost würdigte das publizistische Schaffen des in Düsseldorf lebenden Autors und erinnerte zugleich an dessen enge Verbindung zur Stadt. Knauß‘ Mutter Sibylle Knauß hatte das Forum in der Mitte der 1980er Jahre geleitet, als Nachfolgerin des Gründers Fred Oberhauser, und dort mehrfach ihre Romane vorgestellt.
Im Zentrum seines Vortrags stand eine deutliche Kritik an gängigen Erklärungsmustern. Wer die Krisen und die anhaltende Verunsicherung der westlichen Demokratien allein auf äußere Gegner zurückführe, greife nach Ansicht von Knauß zu kurz. Weder die geopolitischen Rivalen noch die zunehmend unberechenbar agierenden Vereinigten Staaten, das neo-imperialistische Auftreten Russlands oder der Erfolg populistischer Strömungen erklärten das Problem in seiner Tiefe.
Stattdessen spricht der Autor von einer Selbstaufgabe. Die eigentlichen Ursachen verortet er im Inneren der westlichen Gesellschaften, die den Bogen überspannt hätten, als sie ihre Vorstellungen einer gerechten Ordnung weltweit durchsetzen wollten. Diese Entwicklung führt Knauß historisch um mehr als fünf Jahrzehnte zurück und macht sie an den kulturellen und politischen Verschiebungen fest, die der Generationenkonflikt der „Achtundsechziger“ anstieß.
Trotz dieser scharfen Gesellschaftskritik versteht sich sein Essayband nicht als Abgesang. Im Gegenteil: Das Buch ist ausdrücklich als Plädoyer für die Bewahrung und Stärkung jener Demokratie gedacht, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa gestaltet wurde.
An den Impulsvortrag schloss sich eine offene Diskussionsrunde an, die Jürgen Bost moderierte. Das Publikum nutzte die Gelegenheit ausgiebig und stieg engagiert in die kontroversen Thesen zur Identität und Krisenbewältigung des Westens ein. Zum Abschluss dankte Bost dem Team der Stadtbücherei für die Vorbereitung und dem Auditorium für sein lebhaftes Interesse an einem Thema, das viele sichtlich bewegte.




















