Künstliche Intelligenz hat sich innerhalb eines Jahres vom Nischenthema zum zentralen Digitalisierungsmotor der deutschen Wirtschaft entwickelt. Laut einer aktuellen Bitkom-Erhebung setzen mittlerweile 41 Prozent aller Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI aktiv ein – noch vor zwölf Monaten waren es gerade einmal 17 Prozent. Weitere 48 Prozent planen den Einsatz oder befinden sich in der Diskussionsphase. Damit beschäftigt sich nahezu jedes Unternehmen in Deutschland in irgendeiner Form mit der Technologie. Für die repräsentative Studie wurden 604 Unternehmen im Auftrag des Digitalverbands zwischen Kalenderwoche zwei und sechs 2026 telefonisch befragt.
„Künstliche Intelligenz ist weltweit der entscheidende Treiber für mehr Produktivität und Effizienz. Die deutsche Wirtschaft macht beim KI-Einsatz Tempo“, sagte Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst bei der Vorstellung der Ergebnisse am 11. März in Berlin. Er betonte, es gehe längst nicht nur darum, wer das beste Sprachmodell baue. Entscheidend sei der Einsatz überall dort, wo Deutschlands Wirtschaft stark sei – „etwa in der Industrie, in der Pharmazie oder in der Medizintechnik“. Die Zahlen geben ihm Recht: Drei Viertel der KI-nutzenden Unternehmen berichten von einer verbesserten Wettbewerbsposition, 52 Prozent messen einen konkreten Beitrag zum Unternehmenserfolg, und zwei Drittel wollen ihr Engagement weiter ausbauen.
Die Digitalisierung insgesamt bewerten die befragten Firmen überwiegend positiv. 77 Prozent sehen eher Vorteile, 16 Prozent sogar große Vorteile. Doch hinter dieser Erfolgsbilanz verbirgt sich eine wachsende Kluft. Jedes zweite Unternehmen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, die digitale Transformation zu bewältigen. Besonders alarmierend: 13 Prozent sehen durch die Digitalisierung ihre Existenz bedroht – ein Wert, der sich gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt hat und 2024 noch bei vier Prozent lag. Zwei Drittel der Befragten stellen fest, dass Wettbewerber, die früher auf Digitalisierung gesetzt haben, ihnen inzwischen voraus sind. Jedes fünfte Unternehmen fühlt sich zudem durch aufstrebende Startups unter Druck gesetzt.
„Bei der Digitalisierung ist Deutschland gespalten: Wir haben Unternehmen, die auch im internationalen Vergleich ganz vorne mit dabei sind, und solche, die Gefahr laufen abgehängt zu werden“, ordnete Wintergerst die Lage ein. Sein Appell: „Unser gemeinsames Ziel muss sein, alle mitzunehmen, insbesondere auch die breite Basis der kleineren und mittelständischen Unternehmen.“ Dass Deutschland insgesamt noch Nachholbedarf hat, zeigt die Selbsteinschätzung der Wirtschaft deutlich. Nur zehn Prozent sehen das Land bei der Digitalisierung in der weltweiten Spitzengruppe, 63 Prozent verorten es im Mittelfeld, und 16 Prozent zählen es zu den Nachzüglern. Für 78 Prozent ist die aktuelle Wirtschaftskrise auch eine Folge zögerlicher Digitalisierung.
Ein Schlüssel für den nächsten Entwicklungsschub liegt nach Einschätzung des Verbands in den Daten, die Unternehmen bereits besitzen, aber kaum nutzen. Sechs von zehn Firmen schöpfen das Potenzial ihrer vorhandenen Daten bislang kaum oder gar nicht aus. Nur ein Drittel nutzt diesen Bestand aktiv, lediglich fünf Prozent tun dies nach eigener Einschätzung vollständig. Immerhin ergreifen 29 Prozent derjenigen, die ihre Daten bisher brachliegen lassen, bereits Maßnahmen zur Änderung, weitere 43 Prozent planen oder diskutieren entsprechende Schritte. „Viele deutsche Unternehmen sitzen auf einem Datenschatz, den sie noch nicht gehoben haben – und von dem sie zu oft noch gar nichts wissen“, sagte Wintergerst. Diese Daten könnten die Basis für einen echten Digitalisierungsschub sein, sei es beim KI-Einsatz oder bei der Erschließung neuer Geschäftsfelder.
Bei der Entwicklung digitaler Innovationen bewegt sich die Wirtschaft, wenn auch langsam. Knapp jedem vierten Unternehmen fällt es inzwischen leicht, neue digitale Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln – vor einem Jahr traf das nur auf 16 Prozent zu. Der Anteil derer, denen dies schwerfällt, sank von 51 auf 40 Prozent. Allerdings entwickelt nach wie vor gut ein Drittel überhaupt keine digitalen Angebote. Gleichzeitig rechnet die große Mehrheit damit, dass Digitalumsätze in fünf Jahren einen erheblichen Teil ihres Geschäfts ausmachen werden. 56 Prozent erwarten einen Anteil zwischen zehn und 50 Prozent, neun Prozent gehen sogar von mindestens der Hälfte ihres Umsatzes aus. Nur sechs Prozent glauben, in fünf Jahren keinerlei Digitalgeschäft zu haben.
Trotz der Erkenntnis, dass Startups zunehmend Marktpositionen gefährden, bleibt die Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen die Ausnahme. Zwei Drittel der befragten Firmen kooperieren überhaupt nicht mit Startups. Lediglich 14 Prozent entwickeln gemeinsam Produkte, neun Prozent sind finanziell beteiligt, und nur zwei Prozent haben selbst ein Startup ausgegründet. Wintergerst forderte deshalb mehr Austausch zwischen etablierten und jungen Unternehmen, um bei der Digitalisierung „echte Sprünge“ zu sehen.
Im Technologie-Ranking hat KI die Führungsrolle übernommen: 86 Prozent der Unternehmen schreiben ihr eine große wirtschaftliche Bedeutung zu. Dahinter folgen das Internet der Dinge mit 82 Prozent, Robotik mit 81 Prozent und autonome Fahrzeuge mit 69 Prozent. Auffällige Diskrepanzen zwischen zugeschriebener Bedeutung und tatsächlicher Nutzung zeigen sich bei Blockchain, Metaverse und Quantencomputing. Obwohl 55 Prozent Blockchain für wirtschaftlich relevant halten, setzen sie nur vier Prozent ein. Beim Quantencomputing sprechen 54 Prozent der Technologie große Bedeutung zu, doch praktisch kein Unternehmen nutzt sie bisher. Die KI-Anwender selbst bewerten sich dabei eher nüchtern: 62 Prozent sehen sich als Nachzügler, nur 30 Prozent als Vorreiter. Ein Drittel berichtet von deutlich höheren Kosten als erwartet. Dem stehen handfeste Ergebnisse gegenüber – 45 Prozent verzeichnen beschleunigte interne Prozesse, 44 Prozent verbesserte Produkte und 29 Prozent völlig neue Angebote. 19 Prozent geben an, wegen KI Stellen abgebaut zu haben.
Die Investitionsbereitschaft zieht trotz schwieriger Rahmenbedingungen an. 36 Prozent der Unternehmen wollen 2026 mehr in Digitalisierung investieren als im Vorjahr – nach 29 Prozent 2025 und 21 Prozent 2024. Gleichzeitig sinkt der Anteil derer, die kürzen wollen, auf 13 Prozent. „Digitale Transformation gibt es nicht zum Nulltarif. Aber gerade bei Künstlicher Intelligenz sind die Einstiegshürden extrem niedrig“, betonte Wintergerst.
Als größte Bremsen identifizieren die Unternehmen Datenschutzanforderungen mit 77 Prozent und den Fachkräftemangel mit 70 Prozent. Dahinter rangieren Anforderungen an die technische Sicherheit, ein Mangel an marktfähigen Lösungen und fehlender Austausch mit anderen Firmen. Auch interne Hürden wiegen schwer: 66 Prozent nennen fehlende Zeit, 48 Prozent fehlende finanzielle Mittel, 40 Prozent langwierige Entscheidungsprozesse. 84 Prozent fordern, dass Digitalisierung Top-Thema der Bundesregierung sein muss, 80 Prozent warnen vor einem wirtschaftlichen Abstieg ohne konsequente digitale Transformation. Wintergerst verwies darauf, dass die Bundesregierung mit der Einrichtung eines Digitalministeriums ein Signal gesetzt habe. In zentralen Bereichen wie der Verwaltungsmodernisierung mit dem Deutschland-Stack oder der Einführung digitaler Identitäten 2027 mit der EUDI-Wallet seien die Weichen gestellt. „Jetzt gilt es, rasch für Unternehmen, aber auch für Bürgerinnen und Bürger spürbare Ergebnisse zu liefern.“
Konkrete Impulse für die Umsetzung soll die Bitkom-Konferenz TRANSFORM liefern, die am 18. und 19. März 2026 in der Station Berlin stattfindet. Eröffnet wird die Veranstaltung von Wintergerst gemeinsam mit Bayer-CEO Bill Anderson, Siemens-CEO Dr. Roland Busch und Commerzbank-CEO Dr. Bettina Orlopp. Erwartet werden mehr als 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, 320 Rednerinnen und Redner gestalten über 200 Stunden Programm auf drei Bühnen. Aus der Politik haben unter anderem Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger, Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, Bundesbildungsministerin Karin Prien und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner ihre Teilnahme zugesagt. Parallel finden die Digital Office Conference, das Format Work & Culture zur digitalen Arbeitswelt sowie ein Career Day statt. Im Rahmen der TRANSFORM wird zudem der 18. Innovators‘ Pitch vergeben, ein Startup-Award des Bitkom für disruptive Gründungen in den Kategorien „Future Technologies in Logistics“ und „Future Technologies in Education“.




















