Symbolbild

Tarifverhandlungen, sei es bei der Lufthansa, ver.di oder der IG Metall, haben in den vergangenen Jahren immer wieder für emotionale Debatten in den Medien gesorgt. Dem Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist jetzt ein Blick hinter die sonst verschlossenen Türen der Tarifpolitik gelungen: Es offenbart sich ein spannungsreiches Verhältnis, denn es geht nicht mit den Medien, aber auch nicht ohne sie.

In Leitfadengesprächen mit 33 Expertinnen und Experten der deutschen Tarifpolitik leuchten Prof. Dr. Oliver Quiring, Dr. Christina Viehmann, Dr. Mathias Weber und Marlene Schaaf die Rolle von Medien in Tarifverhandlungen aus. Wie ambivalent das Verhältnis von Medien und Verhandlungspartnern sein kann, zeigt die Auswertung des über 1.500 Seiten starken Gesprächsmaterials. Medienberichterstattung birgt immer die Gefahr des Kontrollverlusts und negativer Publicity, die zum Scheitern der Verhandlungen führen können. Gleichzeitig sind Massenmedien zum schwer verzichtbaren Sprachrohr und Vermittler in der Tarifpolitik geworden. Insbesondere deshalb, weil verbandseigene Medien oft nicht die Reichweiten erzielen, um alle Anhängerinnen und Anhänger schnell und effektiv zu erreichen. Für manche Verhandlungspartner ist es außerdem denkbar, dass geheime Informationen an die Presse weitergegeben werden, um den Gegner zu verunsichern und sich selbst einen Verhandlungsvorteil zu verschaffen – allerdings nur als Ultima Ratio, denn der damit einhergehende Vertrauensverlust sei immens.

Berichterstattung der Medien über Tarifverhandlungen wird kritisiert

Das zwiespältige Verhältnis zwischen Verhandlungspartnern und Medien zeigt sich auch darin, dass viele Tarifexpertinnen und -experten mit der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten nur bedingt zufrieden sind. Kritisiert wird laut der Studie vor allem die negative und wenig hintergrundreiche Berichterstattung über Tarifverhandlungen. Durch aktive Pressearbeit möchten die Verhandlungspartner die Medienaufmerksamkeit daher auf die eigenen Inhalte und Belange lenken, um in der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen. Dabei wird allerdings das Potenzial von sozialen Medien bisher wenig bis gar nicht genutzt. Grund hierfür ist vor allem die Sorge um das hohe Empörungspotenzial auf Facebook, Twitter und Co.

Einblick für die wissenschaftliche Untersuchung gaben Expertinnen und Experten aus den Bereichen Tarifpolitik und PR bei Gewerkschaften und Arbeitsgeberverbänden sowie Unternehmen – darunter zahlreiche namhafte Organisationen wie die IG Bergbau, Chemie, Energie und der Bundesarbeitgeberverband Chemie, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer sowie die Deutsche Bahn, die Unabhängige Flugbegleiter Organisation e. V., die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund.

Die Forscherinnen und Forscher wollen aber noch weiter in die Thematik einsteigen: Dazu führen sie in den kommenden Wochen eine großangelegte Befragung von tarifpolitischen Expertinnen und Experten durch, die an über 1.700 Tarifverhandlungen der vergangenen Jahre teilgenommen haben und mehr als 400 Organisationen repräsentieren. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den vielfältigen Perspektiven in der Tarifpolitik: Nicht nur erfahrene Verhandlungsexpertinnen und -experten bei den tarifpolitischen Organisationen sollen erreicht werden, sondern gerade auch die Eindrücke der zahlreichen ehrenamtlichen Repräsentanten in ihren Tarifkommissionen sind von Interesse. Keiner anderen wissenschaftlichen Untersuchung ist es bislang gelungen, einen solchen Perspektivreichtum zu erfassen. Das Forschungsprojekt läuft noch bis Mitte 2022 und wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

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